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Svenja 15.02.2008 01:22

Schicksal einer Frau mit mehreren unehelichen Kindern
 
Hallo

Nachdem ich gerade im Thread Nottaufe eines noch ungeborenen Kindes einige "merk-würdige" Geschichten erzählt habe, hier noch eine zum Thema "was geschah mit Frauen, die mehrmals uneheliche Kinder gebaren, die dann noch dazu auffällig früh verstarben". Diese Geschichte stammt aus der gleichen Quelle und spielte sich in meinem Heimatort Oberägeri im Kanton Zug in der Schweiz ab. Die Hauptperson Verena Letter könnte eine Schwester oder eine Cousine eines meiner Vorfahren gewesen sein.

1810 gebar die 24jährige, ledige Verena Letter aus Oberägeri ihr erstes Kind. Der Kindsvater Josef Remigi Iten, ein grober Kerl, dem auch Vergewaltigungen vorgehalten wurden, trat in französische Kriegsdienste. Das Kind kam in seine Familie und starb nach vier Monaten. Verena musste beichten und zur Strafe ein Jahr lang an bestimmter Stelle stehend die Messe besuchen. Als sie ein Jahr später wieder ein Kind erwartete, hatte sie zusätzlich eine Stunde lang im Busskleid bei der Kirche zu stehen.

Im Sommer 1819 merkte sie, dass sie erneut schwanger war. Sie schämte sich, verbarg die Schwangerschaft und versuchte das Kind abzutreiben. Der Kindsvater, der Gerber Domini Iten, bedrängte sie, seine Vaterschaft zu verschweigen. Verena entschloss sich daher, die Geburt zu verheimlichen und das Kind sterben zu lassen. In der Nacht aurf Aschermittwoch 1820 gebar Verena einen Knaben. Neben ihr lag ihre Schwester, die nichts bemerkte. Verena hielt das Kind unter ihren Beinen und hoffte, dass es sterbe. Am Morgen war es tot. Verena wickelte es in Lumpen und legte es in die Lorze (Anmerkung: die Lorze ist ein Fluss in Unterägeri).

Die Tat wurde entdeckt, die Mutter verhaftet und in den Turm geworfen (Anmerkung: Wo dieser Turm stand ist mir nicht bekannt). Sie beteuerte, sie wolle in ihrem "ganzen Leben nichts mehr mit dem Mannenvolk zu thun haben", und bat um Gnade. Nach scharfen Verhören kam sie vor das Malefizgericht, das ihr die erflehte Gnade auf zwiespältige Art gewärte. Es erkannte auf schuldig, da sie unmoralisch gelebt, eine Abtreibung versucht und das Neugeborene an Leib und Seele vernachlässigt habe. Da ihre direkte Schuld am Kindstod nicht nachzuweisen war, entschieden die Richter aber, "es sey besser, sie lebe als dass sie sterbe".

Verena wurde ans Halseisen gestellt, mit Ruten gezüchtigt und dem Oberägerer Gemeinderat zur lebenslänglichen Ankettung übergeben. Sie kam zu ihrem Bruder, der für seine angekettete Schwester zu sorgen hatte. 1830 war wegen der zeigemäss üblichen harten Strafe, die sie "in folgsamer Duldung" erlitt, "ihre Gesundheit gänzlich ruiniert". Da sie "ihrer Auflösung nahe" war, wurde sie von der Kette befreit, damit sie sich wieder in der frischen Luft bewegen konnte. Wenige Monate später starb sie "in summa miseria", in grösstem Elend.


Quelle: Ägerital - Seine Geschichte, von Renato Morosoli und Roger Sablonier, Kapitel Bevölkerung und Gesundheit, Band 1, Seite 325

Bin gespannt ob ihr auch auf eine solche Geschichte gestossen seid.

Gruss
Svenja

Eva64 16.02.2008 08:44

Dieser Bericht stammt aus dem Kirchenbuch Schwieberdingen.

1695 den 20. Februar hat Jerg Mütschelin, edelmännischer Unterthan allhier, Witwer, mit Margaretha, Hanß Kunbergers, gewesenen Weingärtners allhier hinterbliebenen Tochter, so seiner verstorbenen Hausfrauen Mutterhalbs leibliche Schwester, in dem abscheulichen Laster der Blutschande ein Töchterlein erzeugt, welches Sie (wohl erschröckliche That) nach der Geburt mit Riemen oder Hosenbändeln erwürgt in einem Keller unter einen Haufen großer Steinen verborgen, bis endlich nach vielem Vernehmen, Verleugnung und gütlicher Bekenntnis, solches ist gefunden worden. Sie die Margaretha ist die 24. Mai zu Gröningen (Markgr.) in der Amtsstadt wegen solches abscheulichen Laster des Kindsmordes öffentlich durch das Schwert gerichtet, Jerg Mütschelin aber, welcher diese Mordstat nicht wollte bekennen, ungeachtet er durch den Henker 3 mahlen torquirt, die 19. Juni mit Ruthen ausgefleugt und des Landes verwiesen worden. Der Herr im Himmel behüte seine Gemeinde vor dergleichen ümmerforten und lasse Ihm dieselbe in alten Gnaden befohlen seyn!

Man stelle sich vor, die beiden werden wegen Blutschande belangt, obwohl sie ja gar nicht Blutsverwandt sind. Gut, der Kindsmord bleibt, aber hätte der stattgefunden, wenn sie nicht - nach damaligen Maßstäben - nah verwandt gewesen wären?

Grüßle
Eva

Luise 16.02.2008 10:43

Ist schon unglaublich was bzw. wie früher geurteilt wurde.

Ich habe allerdings festgestellt, dass im 17. und auch noch im 18. Jh. uneheliche Kinder meist schon nach ein paar Tagen starben bzw. tot geboren wurden. Ob das wirklich mit rechten Dingen zu ging?

Fehrle 16.02.2008 11:17

soviel ich weiss, sagte man dazu, daß sie die die Kinder geengelt haben

liseboettcher 16.02.2008 17:30

was mit unehehlichen/ unerwünschten Kindern geschah
 
Ja, ich glaube, es gab eine Art Hebammen, oder Kinderbetreuerinnen, die man im Volksmund auch "Engelmacherinnen" nannte, weil sie dafür sorgten, daß die unerwünschten Kinder nicht groß wurden. Abgesehen davon, dass die Kinder sowieso sehr oft jung starben infolge der unsäglichen Lebensverhältnisse. Aber was mich immer ärgert bei solchen Geschichten, warum werden nur die Frauen bestraft und schief angesehen, obwohl die Väter doch genau so beteiligt sind? Auch heute noch haben es die alleinstehenden Mütter schwerer. Mein Mann sollte, obwohl jünger als die Schwester auf sie auf dem Tanzsaal "aufpassen", es hieß ja auch immer: der Sohn bringt das Kind ja nicht mit nach Hause! Dennoch finde ich die vielen Fälle von umgebrachten Säuglingen in der heutigen Zeit ganz schlimm und sehr traurig, weil es ja Möglichkeiten gibt, die Kinder abzugeben. Viele Ehepaare wären froh, wenn sie ein Baby adoptieren dürften. Damals war ja auch noch die Kirche mit ihren Drohungen viel mehr zu beachten.MfG Lise

GiselaR 16.02.2008 18:50

RE: was mit unehehlichen/ unerwünschten Kindern geschah
 
Hallo,
soweit ich weiß, waren "Engelmacherinnen" Frauen, die heimlich illegale Abtreibungen machten. Das konnte natürlich auch der Nebenverdienst einer Hebamme sein, die kannte sich ja schließlich aus ...
Die bezeichnung bestand bis ins 20. Jhdt.

Allerdings habe ich auch schon von solchen Frauen gehört, die offiziell kleine Kinder hüteten während die unehelichen Mütter arbeiteten bzw. "in Dienst" waren. Und da soll so manches vorgekommen sein...
leider weiß ich nicht mehr, wo das war - ich glaube in irgendeinem zeitgeschichtlichen Roman

lg
Gisela

Luise 17.02.2008 10:00

RE: was mit unehehlichen/ unerwünschten Kindern geschah
 
Zitat:

Original von liseboettcherAber was mich immer ärgert bei solchen Geschichten, warum werden nur die Frauen bestraft und schief angesehen, obwohl die Väter doch genau so beteiligt sind? Auch heute noch haben es die alleinstehenden Mütter schwerer. Mein Mann sollte, obwohl jünger als die Schwester auf sie auf dem Tanzsaal "aufpassen", es hieß ja auch immer: der Sohn bringt das Kind ja nicht mit nach Hause! Dennoch finde ich die vielen Fälle von umgebrachten Säuglingen in der heutigen Zeit ganz schlimm und sehr traurig, weil es ja Möglichkeiten gibt, die Kinder abzugeben. Viele Ehepaare wären froh, wenn sie ein Baby adoptieren dürften. Damals war ja auch noch die Kirche mit ihren Drohungen viel mehr zu beachten.MfG Lise
Da gebe ich dir völlig Recht!

rocco 07.02.2012 17:44

Hallo,

folgenden Eintrag habe ich in einem Seelenstandsregister gefunden:

Anselm W. oo 11.05.1841 Maria Barbara K. "berüchtigt als Kindermörderin.
Maria Barbara K. hatte nach Obergerichtlichem Urteil vom 16.11.1843 drei uneheliche Kinder vor ihrer Verehelichung gehabt. Diese drei Kinder hatte dieselbe gemordet und wurde deshalb lebenslänglich verurteilt, starb im Gefängnis zu Kassel."

Gruß

Rocco


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