Thema: phantome
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Alt 22.11.2019, 03:50
Bernd aus Ostwestfalen Bernd aus Ostwestfalen ist offline männlich
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Nach dem ersten Phantom habe ich manche Stunde gesucht. Wer konnte auch wissen, das Johann Henrich Hanfgarn in einem französisch geschriebenen Zivilregister als Joan Henri geboren war und dazu noch unehelich mit dem Namen seiner Mutter (Merx)?
Das habe ich erst im fünften Durchgang gemerkt...
Ein zweites Phantom entzieht sich bis heute der Forschung:
Da wird kurz nach 1800 bei Biefeld eine Papiermühle gegründet und ein Vorfahr kommt von weither: Johann Wenzel Gindra oder (auf Deutsch) Günther, ein Papiermacher aus dem Dorfe Woleschin bei Brünn in Mähren, so steht es in seiner Heiratseintragung. Vater und Mutter sind mit Namen angegeben, der Vater ein Gastwirt.
Die mährischen Kirchenbücher sind im Netz. Durchaus kein unlösbarer Fall, sollte man denken. Aber leider falsch gedacht.
Das fängt schon mit dem Dorf Woleschin an. Gibt es in ganz Mähren nicht. Ein Hilferuf bei örtlichen Genealogen brachte den Hinweis, es könnte sich um das Dorf Boresin handeln, nur wenige Kilometer nordöstlich von Brünn. Dort gab es tatsächlich um diese Zeit einen Papiermacher Wenzel Gindra, aber dieser Mann war älter und hatte andere Eltern. Was auffällig war: Er war der Pate von fast 100 Kindern (!).
Nach langen Nachdenken bin ich nunmehr der Meinung, dass Vorfahr Gindra tatsächlich aus Boresin oder Umgebung stammt, in Wirklichkeit aber ganz anders hieß und seinen Namen verschleiern wollte. Bei der Suche nach einem "schönen" Namen fiel ihm da Wenzel Gindra ein, den wegen seiner unzahligen Patenschaften dort natürlich jeder kannte. Vielleicht gehörte er ja zu seinen Patenkindern.

Die Chance, seinen wirklichen Namen zu erfahren ist nicht sehr hoch. Auch weil nicht sicher ist, ob der Vorname stimmt. Johann ist auf jeden Fall gelogen, denn in Mähren haben die Kinder gererell nur einen Vornamen. Eine winzige Chance habe ich noch, wenn die Vornamen der Eltern stimmen sollten. Der Muttername Carallier (Reiter) ist zudem in Mähren selten und es ist bestimmt kein Zufall, dass er ausgerechnet in Boresin vorkommt.
Der Mann verschwindet übrigens genau so geheimnisvoll aus den Kirchenbüchern, wie er hinein gekommen ist. "Gestorben auf einer Reise, der Ort ist unbekannt" heißt es bei der Todereintragung seiner Tochter 60 Jahre später. Ich vermute, das auch das nicht stimmt und er sich davon gemacht hat, oder dass man ihn irgendwo eingesperrt hat. Aber wo? Im nächsten Zuchthaus glücklicherweise nicht, das habe ich schon nachgeprüft.
Bei einem dritten Phantom habe ich neuerdings Hoffung: Da heiratet ein Mensch namens Johann Henrich Middendorf in den 1760er Jahren auf einen größeren Hof ein, muß also - da wurde in Westfalen streng drauf geachtet - selbst von einem größeren Hof kommen, der Middendorf heißt. Dachte ich, und wurde zunehmend verzweifelter, weil er in den Genealogien der umliegenden Middenhof-Höfe nicht unterzubringen war.
Dreißig Jahre vergebliche Forschung und jetzt vor wenigen Wochen durch einen Genealogen, der sich vor Ort auskannte, die wahrscheinliche Lösung: Es gibt unweit einen Hof Mintrup. Mintrup heißt auf niederdeutsch ("platt") aber nichts anderes als Middendorf. Da muß man erst mal drauf kommen.


Die angeführten Beispiele sollten anregen, bei der Suche nach Phantomen vielleicht mal etwas Phantasie bezüglich des Namens walten zu lassen. Vielleicht steht der gesuchte Vorfahr ja im Kirchenbuch, aber nicht unter dem Namen, den man sucht...

Geändert von Bernd aus Ostwestfalen (22.11.2019 um 03:57 Uhr) Grund: Rechtschreibfehler
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