#1  
Alt 01.08.2020, 11:24
Melanie_Berlin Melanie_Berlin ist offline
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Standard Nach dem 1./2. WK in Schlesien geblieben

Hallo Mitforschende,
bei der Durchsicht der Königshütter Standesamtsbücher fiel mir auf, dass bei einigen Urkunden polnische Randvermerke zu Eheschließungen oder Todesfällen zu finden sind oder sogar Namensänderungen in polnische Namen. Unter anderem bei einem Cousin meiner Uroma (beide hatten den gleichen Nachnamen), wobei der Nachname eh schon polnisch klang und nur 'en' zu 'ę' geändert wurde. Die Eltern meiner Uroma blieben auch in Oberschlesien nach dem Krieg. Ich habe mich immer gefragt, welche Motivation dahinter steckt und bisher dachte ich eher an das hohe Alter und die Verbundenheit mit dem Heimatort.
Vielleicht gibt es hier jemanden, der mehr weiß. War das Dortbleiben theoretisch jedem möglich? Oder nur in bestimmten Fällen? Falls ja, dann interessiert mich, welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein mussten.
Vielen Dank schon einmal!
__________________
Viele Grüße,
Melanie
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  #2  
Alt 01.08.2020, 11:35
Benutzerbild von Sedulus
Sedulus Sedulus ist offline männlich
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Hallo Melanie,

ich denk mal, es kam da auf verschiedene Faktoren an.
Gab es eine Mischehe, so hatte man womöglich eher eine Chance zu bleiben.
Oder aber man sagte dem "Deutschtum" ab und ließ als polnischer Bürger einbürgen, dann ging dies womöglich auch. Schließlich mußte das Land ja auch weiterhin bewirtschaftet werden.
War man natürlich in der Partei, so hatte man wahrscheinlich größere Probleme bleiben zu können.
Aber im großen und ganzen war es ja eher die Divise, auch in Tschechien, dass man keine Mischbevölkerung mehr wollte um eben Probleme zu vermeiden, was eigentlich affig war, gerade wenn man mal so über den großen Teich schaut.

LG
Peter
__________________
Auf der Suche nach den Familien Neugebauer, Wax, Metzner, Irmer, Tillmann, Neumann und Machate in Schlesien.

Und den Familien Kral, Schulz (Sulc), Pawelka, Sowoboda, Tregler/Trägler, Frisch/Fritsch und Titl im Sudetenland.
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  #3  
Alt 01.08.2020, 11:36
Benutzerbild von Horst von Linie 1
Horst von Linie 1 Horst von Linie 1 ist offline
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Guten Tag,
die Polonisierung war Bedingung fürs Bleibendürfen.

Und ich habe auch noch nicht davon gehört, dass Personen geblieben wären, die sich ihren Familiennamen (in der Zeit um 1941) germanisieren ließen (davon hat es ja auch zahlreiche Randvermerke in den Standesamtsregistern).
__________________
Falls im Eifer des Gefechts die Anrede mal wieder vergessen gegangen sein sollte, wird sie hiermit mit dem Ausdruck allergrößten Bedauerns in folgender Art und Weise nachgeholt:
Guten Morgen/Mittag/Tag/Abend.

Und zum Schluss:
Freundliche Grüße.
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  #4  
Alt 01.08.2020, 17:03
PetraNeu PetraNeu ist offline
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Hallo Melanie

es gab auch Leute, denen die Ausreise verboten wurde, z.B. die Experten für den Bergbau. Wer nicht rechtzeitig die Fliege gemacht hatte, musste in diesen Berufen weiter arbeiten und wurde z.B. nach Waldenburg versetzt, wo man fälschlich ergiebige Kohleflöze vermutet hat. Erst als die Expertise an genügend viele polnische Techniker weitergereicht war, durften die Deutschen ausreisen. Mein Großonkel kam so mit seiner Familie erst in den 1950ern raus. Eine "wilde Flucht" wäre zu riskant gewesen.

Andere wie z.B. meine Großeltern kamen gut in der neuen Situation in O/S zurecht. Sie konnten polnisch, mein Großvater hat sofort die poln. Staatsbürgerschaft beantragt (obywatelstwo) und wieder den alten slawischen Familiennamen angenommen. Das bedeutete, dass sie Anrecht auf Lebensmittelkarten hatten, und er bekam ziemlich schnell Arbeit. Auf den Dominien arbeiteten die Frauen saisonweise und kamen so zusätzlich an Lebensmittel. In der vertrauten Umgebung kannte man Jeden und man half sich gegenseitig. Das war der unschlagbare Vorteil gegenüber dem drohenden Lagerleben in Westdeutschland, darüber war man gut informiert. Meine Familie war in jedem Fall deutlich besser versorgt als die Verwandten, die z.B. bei der Ausweisung in der SBZ hängen blieben.

Erst als die Mangelwirtschaft drückender wurde, kamen bei meiner Familie genügend Zweifel auf, um die Ausreise zu den Verwandten im Westen zu beantragen.

LG Petra
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