Zurück   Ahnenforschung.Net Forum > Allgemeine Diskussionsforen > Erfahrungsaustausch - Plauderecke
Hier klicken, falls Sie Ihr Kennwort vergessen haben.

Antwort
 
Themen-Optionen Thema durchsuchen Ansicht
  #41  
Alt 07.02.2021, 11:45
MarthaLU MarthaLU ist offline
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 13.02.2013
Beiträge: 337
Standard

Hallo Claudia,

Du triffst es ganz genau... Die Fachwelt schreckt sicherlich zurück, weil da noch einige "blumige" Überraschungen warten könnten,( passend dazu gleich was zu Goethe...) Trotzdem für mich unverständlich. Ich will ausdrücklich noch einmal betonen, die großartige Vorarbeit, die die Entdeckungen ermöglichte, stammt aus der Genealogischen Bibliothek in Hamburg-Bergedorf. Deren Genauigkeit, Engagement und Aktenarchivierung verdanke ich die grundlegenden Erkenntnisse. Die forschenden Einrichtungen haben auch nur archiviert und müssten doch mehr tun meines Erachtens. Immerhin, dass es in Marbach ein Cotta-Archiv gibt, das nebenbei und wohl völlig unbearbeitet viele Briefe Karl v. Gerstenbergs aufbewahrt, ist auch ein Glück.
Einen Thread über das Wappen fand ich gerade eben, werde es in Ruhe durchlesen, sieht ja auch sehr spannend aus, danke.

Liebe Grüße Martha
Mit Zitat antworten
  #42  
Alt 07.02.2021, 16:19
Benutzerbild von Gudrid
Gudrid Gudrid ist gerade online weiblich
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 22.04.2020
Ort: Südostoberbayerisches Alpenvorland
Beiträge: 358
Standard

Hallo Martha,
mir ist gerade eingefallen, man kann bei Kindle teilweise kostenlos seine E-Books veröffentlichen (ich hoffe, der Link ist nicht verboten hier):
https://smile.amazon.de/ver%C3%B6ffe...2710980&sr=8-2
__________________
Liebe Grüße
Gudrid

Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.
Nikos Kazantzakis
Mit Zitat antworten
  #43  
Alt 13.02.2021, 08:32
MarthaLU MarthaLU ist offline
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 13.02.2013
Beiträge: 337
Standard

Zitat:
Zitat von Gudrid Beitrag anzeigen
Hallo Martha,
mir ist gerade eingefallen, man kann bei Kindle teilweise kostenlos seine E-Books veröffentlichen (ich hoffe, der Link ist nicht verboten hier):
https://smile.amazon.de/ver%C3%B6ffe...2710980&sr=8-2
Hallo Gudrid,

Vielen Dank für den Hinweis! Im Moment ist der Stand der, dass jemand anderes eine Veröffentlichung plant zu einem ganz bestimmten Aspekt der Geschichte. Allerdings nicht die Fälschungen. Da diese Person wesentlich bessere Möglichkeiten hat als ich, werde ich erst einmal abwarten, ob das zustande kommt. Trotzdem Dankeschön.

LG Martha
Mit Zitat antworten
  #44  
Alt 13.02.2021, 11:25
MarthaLU MarthaLU ist offline
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 13.02.2013
Beiträge: 337
Standard Mit Goethes Schrittschuhen aufs Glatteis geführt?

Mit Goethes Schrittschuhen aufs Glatteis geführt?

Zunächst war ich ja eine Familienforscherin, die ihre Großmutter kennen lernen wollte. Schon dieser Versuch stellte und stellt mich vor große Probleme. Zwei Identitätswechsel, ein im Urlaub abgehauener preußischer Offizier, ein Nichtadliger mit von, falsche Geburtsdaten, gefälschte Dokumente, Hochstapler, Wohnortwechsel teilweise mehrmals pro Jahr. Von meiner Großmutter Elsa v. Gerstenberg weiß ich immer noch wenig und habe nur ein einziges fürchterlich schlechtes Foto. Aber weil ich so beschäftigt war, fiel mir das "literarische " Werk Karl v. Gerstenbergs erst recht spät auf. Es fing an mit einem Zufallsfund im Goethe-Jahrbuch 5 von 1884, S. 12: https://archive.org/details/goetheja...ge/12/mode/2up

Dieser Mann, mit erlogenem Dr., einem Lebensweg voller Betrügereien, der Vater ein berühmter Literaturfälscher, hat wertvollste Autographen besessen? Nie im Leben... so war mein Gefühl. Zunächst guckte ich mir die beiden Goethe-Briefe an und suchte in Archiven nach Herkunftsangaben. Die wilde Geschichte des Erwerbs, auf die Schnelle nicht widerlegbar, machte mich noch skeptischer. Immer wenn etwas seltsam anmutet, ist nämlich Vorsicht geboten. Verblüfft stellte ich dann das fest, was sich später als übliche Vorgehensweise erwies. Als seriöse Quelle gilt allgemein und überall der Erste, der über eine Handschrift berichtet. Karl v. Gerstenberg hatte den Goethe-Brief über die Aufführung des Julius Cäsar 1884 publiziert, daher wird er im Goethe-Schiller-Archiv Weimar als Provenienz angegeben. Allerdings meldete sich daraufhin Wendelin v. Maltzahn, ein bekannter Autographensammler, und gab an, den Brief bereits 1872 im Shakespeare-Jahrbuch veröffentlicht zu haben. Das stimmt, und er hatte zur Herkunft schlicht gar nichts verraten. "Nach einer Abschrift", das reichte damals. Heute gibt daher das Goethe-Schiller-Archiv in Weimar zwei Quellen an, Wendelin v. Maltzahn und Karl v. Gerstenberg. Nur mir blieb ein kleines Kratzen, zumal v. Maltzahn etliche Jahre in Weimar gelebt hat.

Meine weitere Goethe-Suche führte mich zu einem ganz besonders rätselhaften Fall. Ein Tagebuchblatt Goethes hat große Berühmtheit erlangt, weil er darin vom Schrittschuhlaufen schreibt. Goethe war, das ist oft berichtet worden, ein begeisterter Schlittschuhläufer. Sicher ist auch, dass Klopstock darauf bestand, es heisse Schrittschuh, und entsprechend belehrte er den jungen Goethe. Aber meines Wissens gibt es keine andere Fundstelle bei Goethe, wo er selber vom Schrittschuhlaufen schreibt, außer in diesem Tagebuchblatt von Weihnachten 1775 in Waldeck.
Die Erstveröffentlichung erfolgte erst 1845 durch Willhelm Dorow. Der hatte eine Quelle angegeben, die auf den ersten Blick hochseriös wirkt: "Der junge Herr Fr. von Gerstenbergk aus Weimar". Man muss wissen, in Weimar lebten Anfang des 19.Jahrhunderts zwei Familien v. Gerstenbergk. Einmal meine Vorfahren, also der spätere Schillerfälscher. Aber auch der spätere weimarische Vicekanzler v. Gerstenbergk. Das war ein tragisches Kontrastprogramm, das meiner Vermutung nach mit ein Auslöser für die Straftaten wurde. Denn meine waren die tatsächlichen Nachfahren der Erfurter Adelsfamilie, verarmt. Der andere war langjähriger Liebhaber Adele Schopenhauers, heiratete eine v. Häseler. Vor allem aber: Er schaffte es 1815, als Nachfahre der Erfurter v. Gerstenbergs anerkannt zu werden, obwohl er es nicht war. Er durfte das alte Wappen benutzen, hatte Zugang zum Hof und kannte tatsächlich Goethe persönlich. Er selber konnte allerdings nicht gemeint sein als Besitzer des Tagebuchblattes, da er schon 1838 verstorben war. Es bleibt nur sein einziger Sohn als mögliche Quelle. Er hieß Friedrich und war 1826 geboren.
Nur war die Familie bereits 1929 weggezogen aus Weimar, sie lebte seit 1837 in Dresden. Und wenn die vermutlich noch bestehende Weimarische Bürgerschaft dies erklären könnte, so würde man doch eine genauso korrekte Namensangabe erwarten. Denn der junge Mann hieß "v. Gerstenbergk, Edler von Zech".
Noch merkwürdiger wird die ganze Sache aber inhaltlich. Denn es existiert neben dem Tagebuchblatt aus Waldeck auch ein Brief vom selben Tage aus Waldeck an den Herzog Carl August. Nur klagt Goethe darin über fatales Tauwetter. Der Widerspruch zum Schrittschuhlaufen fiel bereits 1848 einem Goethe-Biographen auf, eine Erklärung hat er nicht gefunden. Zu Dorows Publikation 1845 gehörten ferner zwei weitere Briefe Goethes und ein Gedicht. Ein zeitgenössischer Kritiker bemerkte: " Das hätte der Alte von Weimar....ebenso gut prosaisch in Prosa schreiben können. Dafür braucht man sich wahrlich nicht mit dem Metrum zu quälen!" Viele Merkwürdigkeiten, zu viele? Im Tagebuch steht auch der Satz " Sind gekommen, habe gefahren und mir ists wohl." Gemeint sind damit die Schrittschuhe, nur gefahren hat er sie nicht, er ist gefahren. Haben und Sein, dieser Grammatikfehler taucht auch auf in Schillers Braut in Trauer! Alles Zufall?

Wenn aber was dran wäre, dann würde das gerstenbergische Literatenproblem noch größer. Dann wäre klar, dass die Entdeckung der Schillerfälschungen 1854 noch nicht einmal der Anfang gewesen ist. Ich halte heute für möglich, dass die Fälschungsfabrik schon um 1840 herum ihre Arbeit aufgenommen hat. Es gibt einen hoch verdächtigen Lessing-Autographen, der 1841 erstmals gedruckt wurde. Und, die Gerstenbergks könnten Wilhelm Dorow früh in anderem Zusammenhang gekannt haben. Er hat, als erster überhaupt, ab 1836 Handschriften berühmter Menschen in Büchern abgedruckt. War das die Vorlage?
Der Fall Goethe bleibt voerst unklarer als andere, wo mir klare Beweise gelungen sind. Aber wegen der zeitlichen Dimension ist er dennoch besonders beunruhigend.

LG Martha

Geändert von MarthaLU (13.02.2021 um 11:27 Uhr)
Mit Zitat antworten
  #45  
Alt 16.02.2021, 20:02
MarthaLU MarthaLU ist offline
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 13.02.2013
Beiträge: 337
Standard Es thut mir Leid, daß es ein Mädchen ist...

"Es thut mir leid, die Wahrheit zu sagen, daß es ein Mädchen ist; wenn es ein Junge gewesen wäre, so würde es Ew. Wohlgeboren wahscheinlich besser gefallen haben. Ich bin mit der vorzüglichsten Hochachtung, Ew. Wohlgeboren, ergebenster Heinrich von Kleist. " Mit diesem schrecklichen Affront endet der wohl berühmteste Brief Heinrich von Kleists. Das Mädchen, um das es ging, war das Käthchen von Heilbronn. Kleist hatte das Manuskript an August Wilhelm Iffland, den Direktor des Berliner Nationaltheaters ,geschickt und wartete vergeblich auf Antwort. Durch einen Dritten kam ihm aber zu Ohren, Iffland gefalle es nicht und weigere sich, es aufzuführen. Da verfasste er diese Zeilen, die bösen Bezug nehmen auf Ifflands Homosexualität, über die heimlich spekuliert wurde.

Karl v. Gerstenberg soll auch diesen Brief in Händen gehabt haben. Im Goethe-Jahrbuch 5 hatte der Herausgeber Ludwig Geiger 1884 zwar nur die beiden Goethe-Briefe und ein Schreiben des Hofkammerrats Franz Kirms veröffentlicht. Er erwähnte aber ausdrücklich auch Kleists Brief samt Ifflands Antwort als Teil der Gerstenbergischen Autographenmappe. Lediglich weil das Schreiben 1863 bereits abgedruckt war in "Johann Valentin Teichmanns Literarischer Nachlass", verzichtete er auf Publikation. In diesem Fall bin ich komplett gescheitert, die Herkunft des Briefes nachzuverfolgen. Bereits 1810 zitiert Friedrich de la Motte Fouquet das Schreiben. 1863 bei Teichmann findet sich ein erheblich abweichender Text. Die Ausgabe, die Karl v. Gerstenberg etwa 1883 dem Verleger präsentierte, kennen wir nicht. 1905 schließlich taucht eine wiederum andere Fassung auf bei dem bekanntesten Autographenhändler, der Firma Stargardt. Diese Version wurde dann auch aufgenommen in die erste Gesamtausgabe, seitdem aber sind sowohl Kleists Brief wie auch Ifflands Antwort verschollen.
Es ist merkwürdig genug, dass Karl v. Gerstenberg dies Dokument besessen haben soll. Wo es hinterher geblieben sein soll, ist noch unerklärlicher. Wenn v. Gerstenberg es dem Literaturfachmann Ludwig Geiger 1883 gezeigt hat, müsste es doch angemessen beachtet worden sein und irgendwo sorgsam archiviert. Aber es ist weg. Und ich finde auch keine Erklärung für die verschiedenen Versionen.

Im Jahr 1921 erlebte die Literaturwelt eine vermeintliche Sensation. Gustav Herwig gab bekannt, viele Briefe Kleists und das Tagebuch der französischen Bewacher Heinrich v. Kleists aus Fort de Joux gefunden zu haben. Die Weltbühne veröffentlichte das Material. Herwig beteuerte, die Papiere seien ihm zufällig in die Hände gefallen, als er in Orbe/Schweiz andere Dokumente suchte. Die Papiere sollen unter einen Stoß von Kirchenmusikheften gelegen haben, versehentlich aus der Bibliothek Bern nach Orbe gelangt. Die Sache blieb aber mysteriös. Herwig hat den eigentlichen Fund nie gezeigt, er hat ihn nur abdrucken lassen. In der Bibliothek in Orbe erinnerte sich zudem niemand, dass Gustav Herwig je dort gewesen war. So wurde er recht schnell enttarnt als Fälscher.
Er hat einen Schwindel aber nie zugegeben, im Gegenteil, er blieb dabei, die Briefe gefunden zu haben in Orbe trotz fürchterlichster Anschuldigungen. Dabei fällt ein Aspekt auf, er hat schon mindestens 15 Jahre vor der Publikation seinen Onkel und weitere Literaturfachleute verrückt gemacht mit seinem Fund. Dass man sich in Orbe nicht an ihn erinnerte, könnte einen Grund in der Zeitspanne haben. Da Herwig nach dem Abitur etwa 1899 nachweisbar in die Schweiz gezogen ist, könnte er nämlich da schon die Dokumente entdeckt haben.
Geklärt ist allerdings gar nichts. Herwig ist, soviel ist gesichert, um 1908 herum psychisch erkrankt. Jedenfalls war er Psychiatriepatient, wobei damalige Diagnosen ja mit ganz viel Vorsicht zu bewerten sind. Und er hat einige Betrügereien verübt, die mit Gefängnisstrafen endeten. Nur frage ich mich, ob dieser Mann womöglich gerade wegen des Sensationsfundes, den ihm keiner glaubte, entgleist ist. Die Hartnäckigkeit, mit der er bei seiner Geschichte blieb, ist schon beeindruckend. Seine sehr ehrenwerte Familie hat ihm lange Jahre zugesetzt, und Literaturfachleute griffen ihn an. Um hier ein persönliches Wort unterzubringen: Ich weiß auch, dass ich recht habe, und es hilft mir nichts. Und schon als der Papierhändler Künzel 1852 die gefälschten Schillers entdeckte, interessierte es die Fachwelt keinen Deut. Zwei Jahre danach schloss sich der Berliner Professor und Schriftsteller Theoedor Dielitz an, sofort wurde eine Untersuchung eingeleitet. Also was auch immer der Abiturient Gustav Herwig gefunden hat oder behauptet hat, das Urteil der Fachwelt war von vornherein klar. Die Literaten wollen unter sich bleiben. Das war vielleicht ungut für schwache Nerven.

1951 hat immerhin Ludwig Marcuse vehement für Gustav Herwig Partei ergriffen. Er sah weder Beweise für Echtheit noch für Unechtheit, und er hielt die Inhalte für glaubwürdig. Und nun stelle ich 2021 fest, dass Karl v. Gerstenberg von 1870 bis 1873 in Bern gelebt hat, von wo die Papiere gekommen sein sollen. Es ist bisher gar kein Grund gefunden worden, warum er 1870 dahin zog, eine Stelle hatte er nicht. Zwei weitere kleine Aspekte könnten für eine gerstenbergische Fälschung sprechen: Erstens war der Umfang des Materials groß, es waren verschiedene Urheber der Briefe dabei und dazu ein Tagebuch, und Tagebücher waren beliebt bei den Gerstenbergs. Solche Dimensionen waren doch ungewöhnlich. Und zweitens sind die Texte nicht auf Französisch verfasst. Herwig sprach aber gut Französisch und um der Glaubwürdigkeit willen hätte er das doch eingesetzt. Karl v. Gerstenberg dagegen hat ziemlich sicher nicht Französisch gesprochen.
Noch ein Rätsel also, ein Fall, der kaum noch zu klären ist! Aber Karl v. Gerstenberg hat eine berühmte Kleist-Handschrift in Händen gehabt, das ist dokumentiert. Oder eine nachgemachte?

LG Martha

Geändert von MarthaLU (17.02.2021 um 09:04 Uhr)
Mit Zitat antworten
  #46  
Alt 25.02.2021, 13:08
MarthaLU MarthaLU ist offline
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 13.02.2013
Beiträge: 337
Standard Fing alles in Wolfenbüttel an?

Gerade einmal 15 Jahre alt ist eine Arbeit über gefälschte Lessing-Autographen, die sehr bedeutsam werden könnte: "Zerschnittene, gepauste und gefälschte Lessing-Autographen" von Wolfgang Milde (1934- 2011).

Nur kann ich mich nicht mehr an den Autor wenden, und wen wundert es noch, die Fachwelt kümmert sich nicht drum. Wolfgang Milde konnte nachweisen, dass es auch gefälschte Lessing-Autographen gibt, und er fand heraus, dass sie hergestellt worden waren mit Hilfe von Wilhelm Dorows Werk über Handschriften, sie sind schlicht abgepaust und abgemalt aus dem Brief Lessings an Ewald von Kleist in:" Facsimile von Handschriften berühmter Männer und Frauen aus der Sammlung des Herausgebers", 1836. Dies ist das erste Buch überhaupt gewesen, das Handschriften druckte. Zur Erinnerung, Herausgeber ist derselbe Wilhelm Dorow, der 1845 das Tagebuchblatt von Goethe, den Schrittschuhen und dem jungen Herrn von Gerstenbergk veröffentlichte. Wolfgang Milde weist weiter anhand von Briefen nach, wie wenige Lessing-Autographen im 19. Jahrhundert auf dem Markt waren und wie sehr sie gesucht wurden. In Briefen entdeckte er auch eine Spur des möglichen Urhebers von Fälschungen. Der Wolfenbütteler Archivregistrator Heinrich Wilhelm Ehlers (1817- 1888) scheint einen regen Handel betrieben zu haben, er hat sogar von Lessing unterschriebene Quittungen verschenkt. So beklagte sich 1855 der Oberbibliothekar Bethmann bitter bei ihm darüber, dass sein Haus nicht bedacht wurde mit den so seltenen Handschriften. Kein Zweifel, Ehlers muss demnach in die Sache verwickelt gewesen sein. Da auch Dokumente existieren, in denen Ehlers Begabung als Privatkopiist, also als Abschreiber, betont wird, er zudem Zugang hatte zur Bibliothek und Sammler von mittelalterlichen Schriften war, äußert Milde den Verdacht, es sei der Registrator Ehlers gewesen, der die falschen Lessings abgemalt hat aus Dorows Buch.

Diese Arbeit hat mich begeistert, schon allein, weil jemand im Jahr 2004 uralte Autographenfälschungen entdeckt hat und die Angelegenheit akribisch untersucht hat. An der Rolle Ehlers als Fälscher zweifle ich dennoch aus zwei Gründen. Mir wurde während meiner Beschäftigung mit den Fälschungen immer klarer, dass das Nachmachen einer Handschrift nicht das Kernproblem des Fälschers war. Was ist damals nicht alles als Schiller verkauft worden? Die Sachverständigen fanden Schillers mit drei verschiedenen Handschriften, sogar Billets, die auf Vorder-und Rückseite unterschiedlich aussahen. Keiner guckte hin, Echtheitsbestätigungen von Schillers Kindern reichten. Und die guckten auch nicht hin. Tatsächlich musste man aber wissen, welche Qualität und Aussehen das Papier haben musste und mit welchen Tricks man das erreichte.
Noch gewichtiger sprechen gegen Ehlers als Urheber allerdings die merkwüdigen Parallelen zu den Gerstenbergs. Weite Strecken lesen sich Mildes Forschungsergebnisse exakt so wie der Prozessbericht 1856 gegen den Schillerfälscher. Das Vertriebssystem der Gerstenbergs ist bis heute nicht aufgeklärt worden, aber stets spielten Mitarbeiter von Bibliotheken eine Rolle als Zwischenhändler. In Weimar waren das der Bibliothekar Kräuter und der Bibliotheksdiener Große. Auch der Schriftvergleich erinnert fatal, der Fälscher der Lessings machte nämlich denselben Fehler wie der Schillerfälscher, er berücksichtigte nicht die natürliche Entwicklung einer Unterschrift im Laufe des Lebens. Auch bei Lessing wurden ferner nur ganz bestimmte Datumsangaben gemacht, für die es Originale zum Abmalen gab.

Wolfgang Milde hat vermutet, und ich vermute, wir wissen es also beide nicht. Sein Aufsatz bringt jedenfalls erheblich weiter, und wer immer der Wolfenbütteler Lessingfälscher war, er fälschte mit auffällig ähnlichen Methoden wie die Gerstenbergs. Wenn ich aber einmal mit der These arbeite, die gerstenbergische Fälschungsfabrik habe ihren Anfang schon mit Lessing und einem Wolfenbütteler Archivar genommen, stellen sich natürlich weitere Fragen zu Lessings Briefen und Bezügen zu den Gerstenbergs. Ich stieß daher auf einen bemerkenswerten Brief Lessings an Heinrich Wilhelm v. Gerstenberg, der neue Rätsel aufgibt. Zur Erinnerung: Heinrich Wilhelm v. Gerstenberg war nicht verwandt mit meinen Vorfahren, aber der Verkauf seines Nachlasses 1879 in Hamburg mithilfe einer gefälschten Ahnentafel ist für mich der allerklarste Beweis, dass Karl v. Gerstenberg seine Hände im Spiel hatte. In dieser Gerstenberg-Kiste, die von Hamburg nach München versendet wurde und deren gesamten Inhalt man leider in Frage stellen muss, befand sich auch der einzige bekannte Brief Lessings an den Dichter. Und der hat es in sich! Erstmals gedruckt worden war er bereits 1841, es handelt sich demnach keinesfalls um eine Fälschung Karl v. Gerstenbergs. Also wenn dieser Brief unecht wäre, hätte man den Nachweis gefunden, dass Heinrich v. Gerstenbergk oder sogar weitere Familienmitglieder sich bereits um 1840 mit Literaturfälschung befasst haben. Das würde weiter bedeuten, dass höchstwahrscheinlich ein Familienunternehmen existierte, wenn der Sohn 1879 ein bereits 1840 entstandenes Papier verkaufte. Diese Möglichkeit wird bisher nicht einmal erwogen von den Fachleuten,teils sogar ausgeschlossen, für mich ist sie aber sehr naheliegend.

Der Brief Lessings an Heinrich Wilhelm v. Gerstenberg stammt vom 25. 02. 1768 und behandelt in beträchtlicher Länge den Ugolino, das ist das berühmte Drama von H. W. v. Gerstenberg,( zu dem Karl v. Gerstenberg eine spezielle Beziehung hatte, er bezeichnete sich oft als Ugolino-Nachkomme, obwohl er das nicht war). Womöglich bin ich mittlerweile gerstenberg-geschädigt, aber ich werde misstrauisch, wann immer derart ausufernde Literaturerklärungen in Briefen stehen. Fatal dabei ist, die Literaturwissenschaft hat sich natürlich auf solche Briefe immer mit besonderer Begeisterung gestürzt.
Daneben lässt mich aber auch ein konkreter Inhalt böse zusammenzucken. "...und obgleich eine Tragödie eben so wohl einen glücklichen, als einen unglücklichen Ausgang haben kann ..." Es ist ein langer Schachtelsatz, aber auch ein ziemlich merkwürdiges Thema. Ich bin da an meinen Grenzen, ich kann und will nicht beurteilen, ob Lessing das so hätte schreiben können. Was ich als Musikerin weiß, ist nur: Im Allgemeinen sind Tragödie und Komödie die klassischen Formen des Dramas, und deren Ausgang ist mit dem ersten Wort vorgegeben. Ich dachte auch, Lessing sei Vertreter dieser ganz formvollendeten klassischen Dichtung. Da müssten jetzt andere ran, sie tun es nur leider nicht.
Insgesamt habe ich wirklich ein ungutes Gefühl bei diesem Lessing-Brief, die Länge, die Aussagen über das Theater, aber auch die Ausdruckweise, so umständlich und oft beinahe inhaltslos, hier ein Beispiel: " Am besten, ich schreibe sie Ihnen selbst( gemeint ist seine Beuteilung des Ugolino-Dramas). Das war von Anfange mein Wille. Nur wollte ich mir Zeit laßen, sie noch mehr zu überlegen. Ich habe sie überlegt und überlegt; aber wenn ich Ihnen nicht eher antworten wollte, als bis ich sie genug überlegt zu haben glaubte, so würde ich Ihnen vielleicht gar nicht antworten."
Ich bin ganz klar Laie und maße mir nicht an, Lessing zu verstehen. Trotzdem erlaube ich mir, ein Gefühl zu haben für Inhalte. Lessings Laokoon habe ich versucht, zu lesen, das ist eine berühmte Abhandlung über Literatur und Kunst, und über die Darstellung des Schmerzes in der Kunst. Ich habe nicht alles verstanden. Im Brief schreibt er ebenfalls über das Leiden, das versteht aber jeder aufgeweckte Fünftklässler. Da stimmt was nicht, es passt nicht zusammen. Lessing schrieb sonst so präzise und brillant, und hier bringt er zeilenweise Wiederholungen? Ich sehe die Gerstenbergs bildlich vor mir, wie sie sich Mühe geben, möglichst viele Wörter unterzubringen. Wörter waren ja Geld damals. So sehe ich das eben als reiner Laie, dem kein Fachmann zur Seite steht.

Die Folgen meiner Spekulation habe ich beschrieben: Wenn dieses Schreiben nicht echt ist, dann haben wir endgültig ein Riesenproblem. Dann wäre erwiesen, dass die gerstenbergische Fälschungsfabrik lange vor und lange nach dem Schillerfälscherprozess arbeitete. Dannn weiß ich auch, warum Heinrich v. Gerstenbergk 1856 auf der Anklagebank so gut gelaunt war.

LG Martha

Geändert von MarthaLU (26.02.2021 um 09:45 Uhr)
Mit Zitat antworten
  #47  
Alt 26.02.2021, 12:04
MarthaLU MarthaLU ist offline
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 13.02.2013
Beiträge: 337
Standard Zurück zur Familienforschung-das große Rätsel von Jena

Begonnen habe ich 2013 als Anfängerin in der Familienforschung. Meine Großmutter wollte ich finden, oder vielmehr die Spuren ihres Lebens. Das ist mir leider kaum gelungen. Aber zu tun hatte ich genug, und zusammen mit den merkwürdigen Literaturentdeckungen entstanden neue Fragen zur Familiengeschichte, sie stehen sogar unmittelbar in Zusammenhang mit dem Kriminalfall. Denn ich wage heute zu sagen: Der Hauptgrund, dass die Aktivitäten der Gerstenbergs erst jetzt ans Tageslicht kommen, liegt in den Versäumnissen des Schillerfälscherprozesses 1856. Das war damals ein gewaltiges Verfahren mit vielen Gutachtern, und der Umfang des gefundenen Materials war derart groß, dass man schon zeitlich an Grenzen kam. So wurde nicht einmal im Ansatz geklärt, wer Heinrich v. Gerstenbergk war und in welchen Familienverhältnissen er lebte. Einzig dass er einen Sohn hatte, steht im Prozessbericht, sein Alter allerdings ist falsch angegeben mit 13 Jahren. Karl war damals schon 17 Jahre, ein nicht unwesentlicher Unterschied, was mögliche Tatmitwirkung und Strafrecht angeht. Die Spekulation ist erlaubt, der Papa habe den Sohn absichtlich verjüngt, um ihn rauszuhalten, erwiesen ist das aber nicht. Dass die Gutachter zum Urteil kamen, es seien drei verschiedene Handschriften in den Fälschungen erkennbar, sorgte offensichtlich für soviel Probleme, dass sie aufgefordert wurden, doch bitte noch einmal zu prüfen. Beim zweiten Anlauf stellten sie fest, es könne auch eine Person sein, die unterschiedliche Stadien des Könnens durchlaufen habe. Schließlich verurteilte das Gericht Heinrich v. Gerstenbergk als Hersteller der Papiere oder Auftraggeber und Vertreiber. In jedem Falle sei er der Verantwortliche für das Verbrechen.

Sich damit zu begnügen, könnte ein großer Fehler gewesen sein. Es gab also klare Hinweise auf mehrere Täter, und dass ich heute von einem Familienunternehmen ausgehe, ist nicht aus der Luft gegriffen. Ein einziges Argument gibt es, das dagegen angeführt wird. Es wurde nämlich kein einziger Nachweis einer Verbindung von Heinrich und Karl gefunden, obwohl beide viele Bücher und Briefe geschrieben haben. Das sieht aus, als hätten sie nie Kontakt gepflegt, als der Sohn Karl erwachsen war. Geklärt ist aber gar nichts, ich weiß z. B. nicht, wovon Heinrich v. Gerstenbergk im Alter gelebt hat in Eisenach. Ganz armselig lebte er jedenfalls nicht, aber ganz viele Buchauflagen kamen auch nicht mehr heraus. Andere Kinder, die wohlhabend waren und ehrlichem Broterwerb nachgingen, hatte er vermutlich nicht. Beide Töchter scheinen sich distanziert gehalten zu haben, und Karls Bruder Paul war immer wieder wegen Betrügereien im Gefängnis. Ich tendiere heute dazu, die familiäre Verschwiegenheit im Gegenteil als Indiz zu werten für eine langjährige Existenz der Fälschungsfabrik. So bleiben die Fragen nach dem Schicksal einiger Vorfahren auch kriminalistisch interessant, und ich versuche weiter, Licht ins Dunkel zu bringen. Es wundert bei dieser Verwandtschaft wohl niemanden mehr, dass auch ihre Lebenswege recht speziell waren.

Mein Hauptproblem lebte in Jena, war dort Professor für Kriegskunst und Mathematik und hieß Johann Lorenz Julius v. Gerstenbergk (1749- 1813). Der Vater war Advocat am Weimarischen Hof gewesen, die Mutter Tochter des Superintendenten von Buttstädt, der Onkel ein berühmter Geschichtsprofessor in Erlangen. Dieser Mann war nicht mit mir verwandt, so viel ist klar. Die Frage ist nur, war der Professor in Jena tatsächlich dieser Mann? Es gibt zahlreiche Schilderungen von ihm, sein Aussehen, Auftreten, es war legendär. Er ließ die Studenten exercieren, lief in Bettlerkleidung herum. Er machte wichtige technische Erfindungen und schrieb viele Bücher über technische und militärische Themen. Ein glühender Verehrer Friedrichs des Großen war er, aber er hat 1806 mit seinen Landkarten der Region Jena Napoleon geholfen. Das berichtet ein zeitgenössischer französischer Offizier, der ihn persönlich kannte. Von ihm haben wir auch Angaben über Gerstenbergks Militärlaufbahn, er soll zunächst preußischer Offizier gewesen sein, danach dann 7 Jahre lang in der sächsischen Artillerie, ein Spezialist bei den Bergwerkern, Feuerwerkern, und Ingenieurs.
Vom Sohn des Weimarischen Hofjuristen ist allerdings dokumentiert, er sei etwa von 1875 an Mitglied der winzig kleinen Weimarischen Artillerie gewesen, die nur aus 9 Personen bestand. Er soll danach in Jena Rechtswissenschaften studiert haben. Nicht Mathematik. Und dass ein Enkel eines Superintendenten, Neffe eines berühmten Professors, Sohn eines Hofadvocaten, sich derart auffällig benommen hat? In einem Vorwort von 1788 schimpft der Mathematiker v. Gerstenbergk seitenweise auf Juristen und erklärt ihnen, weshalb sie Mathematik lernen sollen. Dann berichtet er weiter, er beschäftige sich seit 26 Jahren mit der Mathematik, nicht etwa mit Rechtswissenschaften.

Es ist äußerst rätselhaft. Die Jahre in der Weimarischen Armee sind gut dokumentiert, es war die Zeit, als Goethe im geheimen Consilium arbeitete. Der Artillerist Gerstenberg( dort ohne von) war nicht besonders auffällig. Aber ab etwa 1780 änderte sich das, der junge Mann( jetzt mit von) machte Schulden, pumpte ständig Leute an, schwänzte an der Uni, trieb sich mit einer Frau herum, mit der er ein Kind hatte. Auch wegen Körperverletzung und Vergewaltigung wurden Verfahren gegen ihn geführt. Ab 1784 arbeitete er als Kupferstecher nebenher, er war auch ein sehr guter Maler.
Dass aus diesem plötzlich wie verwandelten und schwierigem jungen Mann später ein Jenaer Professor wurde, verdankt er seiner technischen Begabung. Sie muss wirklich überragend gewesen sein. Nur, beim allerbesten Willen, man kann sich den in Weimar so braven kleinen Artilleristen nicht vorstellen. Wenn ich all das lese, das mathematische Können, das Benehmen, die künstlerische Begabung, die vielen Bücher, die er schrieb, ich dachte von Anfang an, er müsse verwandt sein mit meinen Vorfahren, allen anderslautenden Papieren zum Trotz.
Da gäbe es nur eine Möglichkeit, und die prüfe ich seit mehreren Jahren. Heinrich v. Gerstenbergks Großvater war der Preußische Offizier, der 1772 einem unehelich geborenen Sohn seinen Nachnamen gab per Verfügung und danach für immer verschwand. Gesichert ist, er ist im Frühjahr 1772 als Leutnant des Regiments von Anhalt-Bernburg aus dem Urlaub nicht zurück gekehrt. Er wurde auch nicht wie alle anderen Erfurter Gerstenbergs im Familiengrab der Kaufmannskirche beigesetzt. Er war einfach verschollen. Ich bin mit viel Mut und einigen Jahren Beschäftigung heute soweit, an einen Identitätswechsel zu glauben und im durchgeknallten Mathematikprofessor v. Gerstenbergk den verschollenen Offizier zu vermuten. Was mit dem anderen Gerstenberg passiert sein soll, weiß ich nicht. Und sichere Belege habe ich auch immer noch nicht. Das liegt allerdings mit an den schwierigen Bedingungen für eine Suche in Jena. Alle Meldedaten sind im zweiten Weltkrieg verbrannt. Das Kirchenbüro hat mir geschrieben, in zwei Jahren wird der Jenaer Bestand bei Archion eingestellt. Das Universitätsarchiv, bei dem ich mir ziemlich sicher bin, es gibt dort entsprechende Akten, verschickt nichts. Und ich bin weder jetzt mit Corona noch sonst reisefähig. Sehr entscheidend sind auch die Angaben zur militärischen Laufbahn. Wenn man feststellen könnte, wie viele Männer namens v. Gerstenberg preußische Offiziere waren im Jahr 1772, hätte ich womöglich die Lösung. Oder wenn ich die Herren finden würde in den Listen der sächsischen Regimenter. Drei militärische Quellen gibt es, die eigenen Bücher des Professors, die Akten des Conciliums in Weimar und die Ausführungen des französischen Offiziers 1812. V. Gerstenbergk mag gnadenlos gelogen haben, seine Verehrung für Preußen und seine Begeisterung fürs Militär nehme ich ihm aber ab.

Ich schlage mich herum mit viel Literatur, vielen Büchern und vielen Schwindlern. Die militärischen Fragen aber überfordern mich, ich bin nicht in der Lage, in Berlin im Staatsarchiv nach den Gerstenbergs zu suchen. Das geht also nur sehr langsam voran. Wären aber die Jenaer Gerstenbergks tatsächlich verwandt, so stellten sich neue Fragen. Waren die etwa auch beteiligt? Heinrich v. Gerstenbergk hatte auf jeden Fall irgendwelche Kontakte nach Jena, er wollte dort eine Zeitlang gern eine Zeichenschule eröffnen. Und das Jenaer Adressbuch nennt 1879 und 1881 einen Mannn, der schon allein vom Eintrag her verwandt zu sein scheint: Adelbert v. Gerstenbergk, Maler. Man erinnert sich sofort, so stand auch Paul v. Gerstenbergk im Weimarer Adressbuch. Beide scheinen aber nie Kunstwerke hergestellt zu haben. Ich habe weiter keine Spur, was der Adelbert getan hat in Jena.

LG Martha

Geändert von MarthaLU (27.02.2021 um 16:31 Uhr)
Mit Zitat antworten
  #48  
Alt 28.02.2021, 15:28
MarthaLU MarthaLU ist offline
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 13.02.2013
Beiträge: 337
Standard

Heute wurde ich hingewiesen auf einen besonderen Kirchenbucheintrag, der bei Ancestry steht. 1852 kam in Großbreitenbach ein Kind zur Welt, das auf den Namen Edmund Julius Caesar v. Gerstenbergk getauft wurde. Der Vater hieß Gustav Leberecht v. Gerstenbergk, die Mutter Rosamunde.
Ich kannte diesen Eintrag bereits, habe mich trotzdem sehr gefreut. Jeder Zufallsfund kann weiter bringen. In diesem Falle ist das ja ordentlich skurril, ein Kind so zu nennen, und dann selber auch noch Leberecht zu heissen...Ich bin soweit sicher, dass es Nachfahren des Mathematikprofessors sind. Und das Spannendste daran ist, diese Vorliebe für seltsame Vornamen oder Namenssymbolik hatten der Schillerfälscher und seine Familie auch. Da spielten die Vornamen Victor und Georg eine große Rolle, sogar die 1867 geborene Tochter kriegte es ab, als Georgine Caroline Adelheid Victoria. Der 1865 geborene Sohn Georg Friedrich Franz Paul Victor Bechler, der später zu Paul v. Gerstenbergk wurde, hat seinem 1899 geborenen Sohn gar sieben Vornamen gegeben, Friedrich Wilhelm Herrmann Paul Dithloff Georg Victor v. Gerstenbergk hieß der arme Junge. Er wanderte aus und wurde in Amerika zu Fred Gerstenbergk und später zu Fred Matthey.

Also das Thema Vornamen spielt eine Rolle in der Familie, und auch dies ist für mich ein Grund, die Jenaer v. Gerstenbergks mit in die Verwandtschaft einzusortieren, so merkwürdig auch die Idee eines Identitätswechsels erscheint. Die andere Familie Gerstenberger aus Buttstädt, der Vater Advocat am Weimarischen Hof, der Großvater Superintendent, nein, diesen seltsamen Humor finde ich da einfach nicht. Ein Hoch auf den Gustav Leberecht! ...Julius Caesar ist aber leider mit 2 Jahren gestorben.
Wenn ich nur weiter käme in Jena, es ist ein so schwieriges Pflaster dort. Ein Enkel, ein Kupferstecher, zog nach Saalfeld, und da Archion gerade die dortigen Bücher eingestellt hat, hoffe ich, zumindest über Saalfeld voran zu kommen.

LG Martha
Mit Zitat antworten
  #49  
Alt 12.03.2021, 19:06
MarthaLU MarthaLU ist offline
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 13.02.2013
Beiträge: 337
Standard Der Froschmäusekrieg wider H.Heines Dichtungen

Der Froschmäusekrieg wider H.Heines Dichtungen-oder: Spurensuche, maximale Verwirrung


Bis vor wenigen Monaten hätte ich Heinrich Heine als Objekt gerstenbergischer Fälschungen ausgeschlossen, erstens weil er erst 1856 starb, zweitens weil er keine Verbindung nach Thüringen hatte, und drittens, weil Heinrich v. Gerstenbergk und Karl v. Gerstenberg höchstwahrscheinlich beide nicht Französisch konnten.
Aber dann entdeckte ich die Echtheitsbestätigung von einem Heine-Autographen durch Karl v. Gerstenberg, und ich fand heraus, dass der sich schnurstracks nach dem Zuzug in Hamburg bei der Nachbarin von Heines nächsten Verwandten einquartiert hatte. Das klingt ungut. So ging ich auf eine neue Suche, und ich habe einigen Lesern versprochen, einmal nicht nur nach Jahren die Ergebnisse zu berichten, sondern den Ablauf. Heute daher ein Zwischenstand, im Moment wird es immer rätselhafter für mich.


"Der Froschmäusekrieg wider H. Heines Dichtungen " ist ein kleines Büchlein, das 1861 geschrieben wurde von Friedrich Arnold Steinmann (1801-1875). In Erinnerung geblieben ist er, das ist eine traurige Geschichte, fast nur als der Heine-Fälscher. Er war aber Jurist, Schriftsteller, ein streitbarer Mann, und unbestritten kannte er Heinrich Heine persönlich, er war Schulkamerad und Studienkollege. 1861 veröffentlichte Steinmann vier Bücher mit angeblichen Werken und Briefen Heinrich Heines, und löste damit viel Aufregung aus. Die Experten waren einig, dass es alles Fälschungen waren. Steinmann bestritt das vehement, zu seiner Verteidigung schrieb er die 49 Seiten vom Froschmäusekrieg. Er polterte undiplomatisch und grob gegen seine Feinde und brachte auch keine Nachweise, dass es doch Heines Werke seien. Der Froschmäusekrieg wurde sein letztes Buch. Es gibt nur wenig über ihn zu finden, aber er soll danach äußerst verbittert und zurückgezogen gelebt haben bis zu seinem Tode 1875.
Ich kann kein eigenes Urteil abgeben über die Echtheit seiner Heine-Werke, und wenn alle Fachleute einig sind, wird es wohl so sein, dass sie gefälscht sind. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dieser Mann habe seine Kränkung nur gespielt, man fühlt sie in jedem Wort des Froschmäusekriegs. Und vorher hat er selber die Fälschungen hergestellt, hinterher hat er sich verzweifelt vom Leben zurückgezogen? Also, ich weiss nicht. Könnte Steinmann, der Jugendfreund Heines, so wie all die Verwandten der berühmten Dichter, auch Autographen eingekauft haben und reingefallen sein?
Im selben Jahr 1861 erschienen auch die mehrbändigen Memoiren Alexander von Humboldts, und auch sie waren eine gewaltige große Fälschung. Den Verfasser hat man nie gefunden. Also entweder war Literaturfälschung damals Volkssport, oder die gerstenbergische Fabrik war noch größer, als ich mir vorstelle. Im Kern läuft es auf die Frage zu, ob die Gerstenbergs bereits um 1860 so vielseitig waren und auch Heine bereits im Visier hatten. Konkrete Hinweise darauf gibt es nicht.

Als Heinrich Heine 1856 starb, war testamentarisch klar geregelt, was mit dem Nachlass passieren sollte. Alleinerbin war Mathilde, Heines französische Ehefrau, die kein Deutsch sprach. Darum setzte Heine als Nachlassverwalter Ludwig Embden ein, seinen Neffen in Hamburg. Da wird sich der Ludwig aber gefreut haben, die Arbeit an der Backe zu haben und kein Geld zu sehen...Und so hatte er es gar nicht eilig, nach Paris zu reisen. Der Heine-Verleger Campe schilderte Steinmann 1856 die Situation: Mathilde war zunächst untergetaucht, dann ließ sie einen jungen hübschen Südfranzosen, der später auch bei ihr lebte, namens Henri Julia ihre rechtliche Vertretung übernehmen. Die beiden ordneten, ohne deutsch zu können, den Nachlass, unterstützt von den Schriftstellern August Gathy und Alfred Meißner, die auf Bitte Campes nach Paris fuhren. Keine Rede von einem Ludwig Embden, ihm sollten lediglich einige Papiere zugesandt werden. So weit ich es überblicken kann, hat Ludwig Embden keineswegs den Nachlass verwaltet, wie es im Testament eingesetzt war. Er mag vor vollendete Tatsachen gestellt worden sein von Mathilde und Henri Julia. Knapp dreißig Jahre später berichtete Eduard Engel, der Herausgeber der Gartenlaube, von seinem Besuch in Paris bei Julia, der nach Mathildes Tod weiter in der gemeinsamen Wohnung lebte und immer noch der Besitzer von hunderten Heine-Autographen gewesen sei.

Ludwig Embden, oder später Baron Ludwig v. Embden(1826-1904), war eine durchaus rätselhafte Figur. Bis zum Tode seiner Mutter Charlotte, der Schwester Heinrich Heines, die fast 100 Jahre alt wurde, lebte Ludwig Embden zusammen mit der Mutter in der Esplanade 39 in Hamburg. Er war selbständiger Kaufmann, lebte aber bis etwa 1885 nahezu unsichtbar. Bekannt war nur seine Marotte, bestimmte Heine-Autographen auseinander zu schnippeln, die einzelnen Blätter mit Echtheitsbestätigung und Unterschrift zu versehen und zu verschenken. Dafür verwendete er einen Entwurf des Wintermärchens. Darüber könnte man ja staunen, in Zeiten, wo Heines Handschrift schon sehr viel wert war? Dass die Echtheitsbestätigung dreißig Jahre nach Heines Tod doch nahezu albern war, scheint auch nicht bemängelt worden zu sein. Die Schrift Embdens auf den Exemplaren, die ich sehen konnte, ist auffällig gleich, der Text in der Regel wörtlich derselbe. Es spricht viel dafür, dass er diese merkwürdigen Geschenke nur über einen recht kurzen Zeitraum machte, ich weiß es aber nicht. Auf einem dieser Zettel vermerkte Karl v. Gerstenberg im Herbst 1883 ebenfalls die Echtheit der Heine-Handschrift. Dabei steht, er sei Redakteur des Hamburger Correspondenten, was ich bisher weder belegen noch ausschließen kann.
In der Literatur fand ich nur eine einzige kritische Sicht des Ludwig Embden in einer Fußnote erwähnt, die aber finde ich spannend:" Ein Reflex der Autographenmanie des 19. Jahrhunderts zeigt sich auch bei zumindest einem der aufgenommenen Stücke: die Handschrift Heinrich Heines ist dem ursprünglichen Sammler anscheinend von Ludwig von Embden übergeben worden, wie eine eigenhändige "Echtheitsbestätigung" auf der Rückseite des Autographen nahelegt. Ludwig von Embden, einziger Sohn Charlottes, der Schwester Heines, hat als gleichsam hauptberuflicher Neffe manche Autographensammlung mit einem der bläulichen Schreibpapiere seines berühmten Onkels angereichert." (Dichterhandschriften. Von Martin Luther bis Sarah Kirsch. Herausgeber Jochen Meyer, Stuttgart, Reclam 1999. Zitat aus der Rezension von Hans Jörg Lieder, Staatsbibliothek Berlin)


Fortsetzung folgt, LG Martha

Geändert von MarthaLU (14.03.2021 um 17:50 Uhr)
Mit Zitat antworten
  #50  
Alt 15.03.2021, 12:43
MarthaLU MarthaLU ist offline
Erfahrener Benutzer
Themenstarter
 
Registriert seit: 13.02.2013
Beiträge: 337
Standard

Fortsetzung:
Wenn ich schrieb, Ludwig v. Embden habe den Heine-Nachlass nicht verwaltet, wie im Testament von Heine gewünscht, so war das eine grobe Verkürzung. Denn 1892 wurde Baron Ludwig v. Embden zum Heine-Herausgeber, und im Vorwort seines Buches " Heinrich Heines Familienleben" berichtete er lang und ausführlich von den Rechtsstreitigkeiten mit Heines Frau Mathilde und vor allem mit ihrem Rechtsbeistand Henri Julia. V. Embden ließ selber keinen Zweifel daran, dass man ihn ausgebootet hatte, und schilderte seine ehrenamtliche Verwaltertätigkeit als arbeitsreich und aufreibend. In aller Klarheit räumte er ein, er habe erst 1869 Zugriff auf die Reste des Nachlasses gehabt. 1869 habe er dafür gesorgt, dass Mathilde, abgesehen von Heines Memoiren, sämtliche Papiere an den Verleger Campe nach Hamburg verkaufte. Den Entwurf des Kaufvertrages veröffentlichte v. Embden 1892 im Anhang seines Buches. Darin verpflichtete sich Mathiide, wirklich alles herauszugeben, für eine gute Bezahlung. Noch im selben Jahr 1869 brachte der Verlag Campe dann ein Buch heraus mit Heines Nachlass. Im Vorwort berichtet der Herausgaber Strodtmann ebenfalls vom Verkauf sämtlicher Dokumente durch Mathilde.
Was daraus geworden ist, wissen wir mehr oder weniger. Henri Julia soll nach Mathildes Ableben 1883 weiter im Besitz von hunderten Handschriften gewesen sein. 1885 publizierte zudem Karpeles einige Briefe erstmals, darunter einen, der Eigentum Ludwig v. Embdens sei, ein eigenartiger Vorgang. Denn wenn er echt war, dann war das Schreiben Eigentum der Charlotte Embden und nicht ihres Sohnes. An sie war der Brief nämlich gerichtet. Ludwig v. Embden hat in anderen Zusammenhängen immer betont, die vielen Briefe an seine Schwester habe das "Lottchen", das eine sehr resolute alte Dame gewesen sein soll, unter Verschluss gehalten bis 1892. Dann erst durfte der Sohn Ludwig im Auftrage der Mutter die Briefe veröffentlichen. Freilich war da Charlotte 92 Jahre alt, und man darf wohl vorsichtig vermuten, der Einfluss ihres im Hause lebenden einzigen Sohnes dürfte größer geworden sein mit hohem Alter.

Dieser 1885 trotzdem bereits publizierte Brief an Charlotte, Eigentum Ludwig v. Embdens, das gibt Karpeles explizit so an, verblüfft aber auch inhaltlich. Er beantwortet in einem merkwürdig schulmeisterlichen Ton die Frage nach Heinrich Heines Geburtsjahr, die seit Jahrzehnten lebhaft diskutiert wurde. Ist es nicht erstaunlich, dass Ludwig v. Emdben erst 1885 eine Auskunft herausrückte, die die ganze Literaturwelt nach Heines Tod dreißig Jahre lang suchte? Noch verblüffender erscheint mir als Laien aber der Stil des Schreibens. Ein wunderbarer Nebeneffekt meiner Literatursuche ist die wachsende Liebe zur Sprache. Mit Heinrich Heine konnte ich lange wenig anfangen, jetzt jedoch beginne ich mich wohl zu fühlen mit seinen Gedichten, seinem zarten und seinem grobschlächtigen Humor. Über sein Geburtsdatum, ein Geheimnis, das er selber bis dahin gut gehütet hatte, notiert er wie ein Beamter in der Schreibstube:
" Was das Datum meiner Geburt betrifft, so bemerke ich Dir daß ich laut meinem Taufschein den 13 Dezember 1799 geboren bin, und zwar zu Düsseldorf am Rhein, wie Dir ebenfalls bekannt sein wird. Da alle unsere Familien-Papiere durch die Feuersbrünste in Hamburg und Altona zu Grunde gegangen, und in den Düsseldorfer Archiven das Datum meiner Geburt nicht richtig angegeben sein kann, aus Gründen die ich nicht sagen will, so ist obiges Datum allein authentisch jedenfalls authentischer als die Erinnerungen meiner Mutter, deren alterndes Gedächtniß keine verloren gegangne Papiere ersetzen kann."
Das schrieb er nicht in einer Bewerbung oder an einen Verleger, sondern am 16.07.1853 an sein Lottchen, die Schwester, mit der er ein innig nahes Verhältnis hatte. Ihr hätte er doch vieles nicht erklären müssen?
Bereits vorher hatte Heine einmal seinen Taufschein angeführt als Hinweis auf das Geburtsjahr: Am 03.11.1851 schrieb er dem Schriftsteller und Übersetzer Taillerrand: " Indem ich meinen Taufschein zu Rathe ziehe, finde ich den 13. December 1799 als mein Geburtsdatum verzeichnet. Das Wichtigste ist, daß ich geboren, und an den Ufern des Rheines geboren bin, wo ich schon mit sechzehn Jahren ein Gedicht auf Napoleon schrieb."

Heinrich Heine, dies nebenbei erwähnt, ist erst 1825 als Erwachsener getauft worden. Der Taufschein gibt tatsächlich 1799 als Geburtsjahr an, soviel ist klar. Die Heine-Forschung geht dennoch heute recht sicher von 1797 aus. Aber warum erklärt er ausgerechnet der Schwester so trocken und humorlos seinen Lebenslauf? Es ist ein langer Brief, danach gibt er auch noch detaillierte Auskünfte zu Schulzeit und Studium. Solche Schreiben bezeichnen die Wissenschaftler als besonders wertvoll, für mich sind sie besonders fragwürdig. Ich kenne mittlerweile eine ganze Reihe derart auskunftsfreudige und langgezogene Briefe.
Karpeles publizierte zusammen mit diesem Papier drei weitere Heine-Briefe, die bis 1885 unbekannt waren. Ob sie ebenfalls in Ludwig v. Embdens Besitz waren, geht nicht ganz sicher aus dem Text hervor. Jedenfalls sind heute alle drei verschwunden und nicht in den Heine-Verzeichnissen aufgenommen.
Und woher hatte nun Ludwig v. Embden 1885 diesen Lebenslauf-Brief? Heines Nachlass scheidet aus, er kann ihn eigentlich nur von seiner im selben Haus lebenden sehr energischen und rüstigen Mutter haben, der Adressatin. Nur dass die Dame mit keinem Wort erwähnt wird, und sie übergab sämtliche anderen Familienbriefe erst 1892 dem Sohn zur Veröffentlichung.

Vieles ist rätselhaft. Das allergrößte Rätsel bleibt mir aber weiter eine Zeitungsmeldung, die so falsch ist, dass ich keine logische Erklärung für einen Irrtum finde. Am 29.05.1884 stand in den "Hamburger Nachrichten" : "Man schreibt dem Sprudel aus München: Im literarischen Nachlass unseres jüngst verstorbenen Friedrich Kolb finden sich auch zahlreiche Briefe von Heinrich Heine, welche interessante Aufschlüsse über den " Kampf um die Memoiren H. Heines " geben: zwei Briefe beschäftigen sich ausschließlich und eingehend mit dem letzten Besuche Gustav Heines bei dem Dichter. Unter Zuziehung eines alten Parteigenossen Friedrich Kolbs wird die Tochter desselben, Antoinette Kolb, die Sichtung des Nachlasses vornehmen und die Herausgabe desselben besorgen. Antoinette Kolb ist bekanntlich selbst literarisch thätig."
Bekannt oder erklärbar ist allerdings fast nichts an dieser Meldung. Der Verleger und Politiker Georg Friedrich Kolb war in der Tat am 15. 05. 1884 in München verstorben. Heinrich Heine hatte auch enge Kontakte gepflegt zu einem Verleger Kolb, aber das war Gustav Kolb. Mit ihm hat er lange Briefwechsel geschrieben. Gustav Kolb starb bereits 1865. Die beiden Herren Kolb waren nicht miteinander verwandt, und Heinrich Heine hat nie Kontakt gehabt zu Friedrich Kolb. Eine Tochter Antoinette hatte Georg Friedrich Kolb, als Schriftstellerin habe ich sie allerdings nicht finden können. Die Nachnamen hätte man sicherlich verwechseln können. Aber dem Georg Friedrich die Heine-Briefe anzudichten, das doch wohl nicht. Die echten Briefe an Gustav Kolb waren längst veröffentlicht, er war ja bereits 1865 verstorben. Die heutigen Verzeichnisse kennen auch keine Briefe an Georg Friedrich Kolb. Und dann nimmt die Zeitungsmeldung ja sogar direkten Bezug auf die großen Aufregungen um die Memoiren Heines. Just da, 1884, wurden diese Memoiren veröffentlicht in der "Gartenlaube". Und Heines Bruder in Wien, der Verleger Gustav Freiherr Heine von Geldern tobte und versuchte, juristisch dagegen vorzugehen. Es handle sich um eine Fälschung, denn er sei im Besitz der Memoiren und werde sie niemals freigeben für die Öffentlichkeit. So war das Auftauchen von Briefen über Gustav und seinen letzten Parisbesuch ein perfektes Timing...


Merkwürdig, sehr merkwürdig. Vor einigen Jahren hat ein Fachmann falsches Schreibpapier festgestellt bei Heine-Autographen. Heine benutzte ein englisches Papier mit Wasserzeichen, und vor Jahrzehnten schon hatte man geprüft und mehrere Sorten dieses Papiers ermittelt bei Heine. Natürlich, er hat sicherlich über lange Jahre gekauft. Jetzt jedoch fand jemand Papier ohne Wasserzeichen. Dafür gibt es nur zwei Erklärungen, entweder ist Heinrich Heine einem gefälschten Papier aufgesessen, oder .... Das ließe sich vermutlich schnell und gut klären. Wenn Heine selber eine Markenfälschung erwischt hat, muss es mehr Autographen geben damit, und sie müssen zeitlich zusammenhängen. Aber der Fall Heine entwickelt sich finanziell beunruhigend, so schnell wird keine Überprüfung passieren.

LG Martha

Geändert von MarthaLU (15.03.2021 um 18:40 Uhr)
Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen

Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche
Ansicht

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist an.
HTML-Code ist aus.

Gehe zu

Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 07:08 Uhr.