#1  
Alt 14.03.2021, 10:52
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Reden Entnazifizierung - und mal wieder der Onkel Ossip

Hallo,

mit dem Onkel ist ja vieles unklar und unverständlich .....

Das Thema Entnazifizierung habe ich eigentlich schon abgeklopft, habe jetzt aber wieder eine wundersame Info entdeckt

Von vorne:
geboren 1903 in Sadagora; "von Geburt" also Österreicher; bis 1941 im rumänischen Schuldienst tätig, dann eventuell ausgewiesen, auf jeden Fall 1944 aus Lemberg geflohen bzw. emigriert. - Mitarbeiter des SD in Czernowitz bzw. Lemberg.

Auf der Meldekarte aus Juli 1944 steht als Staatsangehörigkeit: staatenlos, vormals rumänisch.
1955 Heirat mit einer Deutschen, wobei er die deutsche Staatsangehörigkeit hätte annehmen können, allerdings hat er sie bereits zu einem früheren Zeitpunkt gehabt, ich weiß nur noch nicht genau, ab wann.

Darüber, ob er zum Personenkreis derer gehörte, die sich entnazifizieren lassen mussten, kann man vielleicht streiten, oder?

Das "Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus" vom 5. März 1946 formulierte 5 Gruppen, in die die über 18-jährigen DEUTSCHEN eingestuft wurden. (Wikipedia)

Okay, 1946 wird er die deutsche Staatsangehörigkeit noch nicht gehabt haben. - Dennoch, Mitarbeiter des SD zu sein, ohne auch NSDAP-Mitglied gewesen zu sein, ist für mich schwer vorstellbar.

Generell war das ganze Entnazifizierungsverfahren war aber doch keine "freiwillige" Angelegenheit, bei der man schlicht und ergreifend eine eidesstattliche Versicherung abgeben konnte.

Eine solche habe ich allerdings im Zusammenhang mit seiner Dissertation aus 1949 gefunden:
"Ich erkläre an Eides statt, dass ich nicht unter die Klasse I bzw. II des Entnazifizierungs- bzw. Entmilitarisierungsgesetzes falle".

Diese Aussage belegt natürlich eine Einstufung als minderbelastet, Mitläufer und/oder entlastet nicht wirklich.
Akten zur Entnazifizierung gibt es im Staatsarchiv Osnabrück tatsächlich nicht!

Zu sagen ist noch, dass der Onkel schon im Sommer 1944 an einem Gymnasium gearbeitet hat, wenn auch zunächst "nur" als Verwalter einer Physik-Sammlung. Wenig später bekam er dort eine Anstellung als Lehrer und wurde "ordnungsgemäß" verbeamtet.

Langer Rede kurzer Sinn; diese eidesstattliche Versicherung bzw. das Fehlen jeglicher Unterlagen in Sachen Entnazifizierung macht mich stutzig.
Dazu kommt, dass ich ganz allgemein gesehen den Eindruck habe, dass man manche Unterlagen (z.B. die Sachakte aus dem Bundesarchiv) zu seiner Person nach 1945 "wohlwollend verloren" haben könnte ...
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Scheuck
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  #2  
Alt 14.03.2021, 11:46
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Hallo,

mit dem Onkel ist ja vieles unklar und unverständlich .....

Von vorne:
geboren 1903 in Sadagora; "von Geburt" also Österreicher; bis 1941 im rumänischen Schuldienst tätig, dann eventuell ausgewiesen, auf jeden Fall 1944 aus Lemberg geflohen bzw. emigriert. - Mitarbeiter des SD in Czernowitz bzw. Lemberg.

Auf der Meldekarte aus Juli 1944 steht als Staatsangehörigkeit: staatenlos, vormals rumänisch.
1955 Heirat mit einer Deutschen, wobei er die deutsche Staatsangehörigkeit hätte annehmen können, allerdings hat er sie bereits zu einem früheren Zeitpunkt gehabt, ich weiß nur noch nicht genau, ab wann.

Okay, 1946 wird er die deutsche Staatsangehörigkeit noch nicht gehabt haben. - Dennoch, Mitarbeiter des SD zu sein, ohne auch NSDAP-Mitglied gewesen zu sein, ist für mich schwer vorstellbar.
Hallo Scheuck,

hinsichtlich Biografien und Legenden von Angehörigen des SD finden sich immer wieder "Ungereimtheiten", die sicher dem persönlichen Schutz, ggf. auch der Verschleierung geschuldet waren.

Wenn er im Juli 1944 als Staatsangehörigkeit: staatenlos, vormals rumänisch, geführt wurde, galt er zunächst als Flüchtling. Flüchtlinge deutscher/österreichischer Volkszugehörigkeit galten den Machthabern als unzuverlässig und mussten ihre Treue zu "Volk und Vaterland" nachweisen bevor sie eingebürgert wurden oder auch nicht.
Eventuell hat er sich seit 1941 bis 1944 erfolglos um eine Einbürgerung bemüht, daher kann er vor oder während dieser Zeitspanne nicht als Deutscher eingebürgert worden sein.
Danach war dies durchaus möglich, vielleicht hat ihm die Angehörigkeit bei der SS/SD geholfen?

Generell bedurfte es keiner Parteimitgliedschaft der NSDAP, um Angehöriger beim SD, also dem Sicherheitsdienst der SS, zu sein. Die Partei war ja eine zivile Formation für ausschließlich Reichs- und Volksdeutsche, während die SS/SD eine militärische Formation war. Hier waren auch Angehörige anderer Nationen, z. B. Rumänen, Ukrainer, Balten, Niederländer, etc. vertreten. Dies bedurfte auch keiner vorherigen Einbürgerung in Deutschland.

Das Thema "Entnazifizierung" ist dann nochmal eine eigene komplexe Baustelle mit allen Fassetten und Spielarten der Durchführung und aller daran Beteiligten.


Viele Grüße
AlAvo

Edit: Eventuell finden sich die Einbürgerungsunterlagen der ehemaligen Einwanderungszentrale beim Bundesarchiv in Berlin sowie weitere Dokumente im Arolsen Archiv
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  #3  
Alt 14.03.2021, 15:36
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Hallo, AlAvo!

Vielen DANK! - Ja, ich glaube, die SD-Zugehörigkeit scheint in mancher Weise geholfen zu haben ...

Nein, das möchte ich ausdrücklich betonen, es geht bei der ganzen Recherche nicht mehr um "Familiengeschichten" oder irgendwelche Überlieferungen und/oder Gerüchte.

Der Familie nach war Onkel Ossip ein Mensch mit blütenweißer Weste ohne den geringsten Makel. - Der "Beweis" für sein grauenvolles Schicksal waren die Baby-Schühchen auf seinem Schreibtisch und die Tatsache, dass seine erste Frau und seine Tochter verschleppt waren. - Hinterfragt hat das zu seinen Lebzeiten niemand!

Ich bin diejenige, die jetzt seit geraumer Zeit versucht, Licht in allerlei Dunkel zu bringen, und die begriffen hat, dass es durchaus Flecken auf der Weste gab.
Dass er offenbar Frau und Kind im August 1941 "sitzen gelassen hat", ist für mich ein tiefschwarzer, riesengroßer Fleck, wenn nicht sogar eine vollkommen schwarze Weste ...

Ja, um die Einbürgerung muss ich mich noch mal kümmern; Arolsen habe ich abgeklopft, da gibt es nichts.
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  #4  
Alt 14.03.2021, 19:35
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Hallo Scheuck,

vielen Dank für Deine Rückmeldung.

Bitte schön, ist gerne geschehen.

Meine bescheidene Erfahrung zeigt, dass nur durch eine faktenbezogene Darstellung der Biografie eines Menschen eine inhaltliche Aufarbeitung ermöglicht und ggf. irgendwelche Mythen, Zerrbilder, Verschönerungen, etc. auf eine sachliche Ebene führt.
Ob dies dann ggf. zu moralischen und/oder emotionalen Einschätzungen führen kann, soll oder muss, liegt immer beim jeweiligen Betrachter, ändert jedoch nichts mehr, so traurig oder schlimm manche Ereignisse auch gewesen sein mögen.


Viele Grüße
AlAvo
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