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  #1  
Alt 15.03.2010, 16:35
Benutzerbild von fossy123
fossy123 fossy123 ist offline männlich
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Standard "Begraben mit einer Leichenpredigt" - Was passierte anschließend mit dieser Predigt?

Hallo,

ich habe eine Frage bezüglich Leichenpredigten.
Immer wieder lese ich in den Kirchenbüchern "... wurde mit einer Leichenpredigt oder Predigt begraben...."

Demnach würde es ja ein schriftliches Dokument über die Person geben, die dort beerdigt wurde. Nur war es doch eigentlich damals so, dass sich oftmals nur gut betuchte Personen eine nachträgliche schriftliche Veröffentlichung der Leichenpredigt leisten konnten.

Was passierte also nachträglich mit den Leichenpredigten der "durschnittlichen" Leute? Wurden diese anschließend vom Pfarrer "entsorgt" also zerrissen oder ähnliches? Oder sammelte ein Pfarrer diese Leichenpredigten trotzdem irgendwo?

Eine Predigt bei der Bestattung kostete ja damals schon relativ viel und nicht jeder konnte sich eine Beerdigung mit einer Predigt leisten. Daher die Frage, was anschließend mit diesen Predigten passierte. Wurden diese vielleicht anschließend den nächsten Familienangehörigen übergeben?

Speziell interessiert mich hierbei, wie das ganze um 1700-1710 gehandhabt wurde.

Schönen Gruß
Mathias
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  #2  
Alt 15.03.2010, 21:28
Benutzerbild von Cardamom
Cardamom Cardamom ist offline weiblich
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Standard

Hallo Mathias,

Zitat [quote=fossy123;283801]
"Eine Predigt bei der Bestattung kostete ja damals schon relativ viel"

-Wie meinst Du das?

- Wichtig ist: Eine Leichenpredigt ist sozusagen eine eigene literarische Gattung, ein spezielles Druckwerk, das weit über den Umfang einer normalen Beerdigungspredigt/Vermahnung hinaus geht.
Dem Pfarrer war das vermutlich egal, er machte seine Predigtansprache als Teil dieser Leichenpredigt, aber es gab dieses Bedürfnis nach Ehrung und Würdigung des Verstorbenen, das zu dieser besonderen Form eines gedruckten Schriftstücks führte.
Manche Pfarrämter haben Leichenpredigtsammlungen erhalten, viele sind auch von Universitäten gesammelt worden als Dokumente der Orts- und Sozialgeschichte.
Zu Deinen Fragen gibts bei Tante Google und Wiki etliche interessante Details.

Liebe Grüße!
Cornelia
__________________
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Meyer, Töpfer in Stargard
Budde, Retzlaff, Manthe, Prielipp


"Nach dem Krieg um 6 im Kelch"
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  #3  
Alt 16.03.2010, 09:59
Benutzerbild von Eva64
Eva64 Eva64 ist offline weiblich
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Zitat:
Zitat von fossy123 Beitrag anzeigen
ich habe eine Frage bezüglich Leichenpredigten.
Immer wieder lese ich in den Kirchenbüchern "... wurde mit einer Leichenpredigt oder Predigt begraben...."
Hallo Mathias,

meine Erfahrung ist, dass dieser Hinweis in den KB die "Besonderheit" der Bestattung herausstreichen soll. Kinder wurden z.B. "nur" begraben. Bei Erwachsenen kam es auf die Stellung in der Gemeinde an, wie die Bestattung abgehalten wurde.

In dem Zeitraum der dich besonders interessiert wirst du mit ziemlicher Sicherheit als erhaltene Werke vor allem die Leichenpredigten von höhergestellten Personen finden. Und wie der Pfarrer mit den sonstigen Leichenpredigten umging wird, wohl von seiner Person abhängig gewesen sein. Es ist ja auch heute so: der eine Pfarrer muss sich wortwörtlich aufschreiben was er predigen will, der andere macht sich nur Stichworte und der dritte predigt ganz ohne Unterlage. Meines Wissens gibt es da keine Vorschrift, dass die Pfarrer ihre Predigten aufbewahren müssen, was sie aber sicherlich für sich machen, um evtl. einen Gedanken in einer anderen Predigt neu aufzunehmen etc.

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts findet man auch gedruckte Werke für "einfache" Leute. Da war das üblicher.

Grüße
Eva
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  #4  
Alt 16.03.2010, 11:05
Benutzerbild von GiselaR
GiselaR GiselaR ist gerade online weiblich
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Zitat:
Zitat von Eva64 Beitrag anzeigen
... Kinder wurden z.B. "nur" begraben ...
Das ist nicht richtig. Auch bei Beerdigungen von Kindern wurde gepredigt, und diese Predigten wurden auch z.T. gedruckt.
Dafür galten dann aber ähnliche Voraussetzungen, wie für die Druckausgaben der Predigten für Erwachsene.
Vor allem kostete der Druck Geld, und das wurde von Angehörigen bezahlt, oder von der Institution, die die Predigt bzw. die Zeremonie in Auftrag gab. Z.B. bei Universitätsprofessoren kam es vor, daß die Universität oder die Fakultät eine Gedenk-Feier abhielt und die Gedächtnis-Predigt drucken ließ.
In den "normalen" Fällen gab es nach einem Todesfall oft mehrere Predigten, für die die Familie zuständig war: 1. Der Trauer-Gottesdienst, bei dem die eigentliche Leichenpredigt gehalten wurde. Oft wurden dabei auch Gedichte oder Lieder vorgetragen, die von Angehörigen und Freunden extra zu dieser Gelegenheit gedichtet worden waren (sog. Epicedien). Daher gehört dieses auch alles in die Literatur-Gattung "Gelegenheitsdichtung".
Danach konnte es noch bei dem eigentlichen Begräbnis auf dem Friedhof eine Ansprache geben (Standrede=Parantatio).

All dieses konnte gedruckt werden. In der Regel wurde der Druck von der Familie bezahlt. Dafür wurde dann auch untereinander gesammelt, manchmal beteiligten sich Freunde.
Diese Druck-Exemplare erhielten in erster Linie die Familien-Angehörigen. Bei vielen Leichenpredigten kann man im Vorspann lesen, welchen Fam.Mitgliedern die Predigt gewidmet war, d.h. wer ein Exemplar bekam.
Der Druck fand oft direkt in Anschluß nach der Predigt statt, machmal lagen aber zwischen Trauergottesdienst und Drucklegung mehrere Jahre.
Es kam auch vor, daß vor dem Druck die Predigt noch von einer höheren kirchlichen Instanz durchgesehen wurde. Einmal habe ich das im Vorspann einer gedruckten Leichenpredigt gelesen, allerdings wesentlich früher, als dein gefragter Zeitraum (ca. 1580)

Letztendlich war die Drucklegung schon eine Frage des Geldes. Das mußte aber nicht heißen, daß der jeweilige bepredigte auch reich war. Wie gesagt, konnten Familie und Freunde auch Geld zusammen legen.
Daß Kinder nicht so viel Beachtung fanden, womöglich weil die Kindersterblichkeit so hoch war und daher die Eltern nicht so sehr um ihre Kinder trauerten, weil sie es ja "gewöhnt" waren ist ein Mythos.
In den Leichenpredigten über Kinder oder über Elternteile, die zu ihrer Lebzeit Kinder verloren hatten, kann man oft das genaue Gegenteil lesen.

Übrigens nicht in jeder Leichenpredigt ist auch ein Lebenslauf (Personalteil) enthalten, allerdings seit dem 17. Jhdt. immer häufiger.

Viele Grüße
Gisela
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