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  #1  
Alt 03.10.2021, 00:52
Laureate Laureate ist offline
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Standard Mögliches Euthanasie-Opfer? (Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch)

Hallo zusammen,

ich versuche aktuell das Schicksal meiner Urgroßtante zu klären:

Paula Englert wurde am 04.04.1906 in Hofstetten (Lauda-Königshofen, Main-Tauber-Kreis, BW) geboren und verbrachte laut Aussage meines Großvaters die letzten Jahre ihres Lebens in einer psychiatrischen Anstalt in Wiesloch (Rhein-Neckar-Kreis, BW), wo sie am 29.03.1939 unter "ungeklärten Umständen" verstarb.

Als ich das Stichwort "Wiesloch" hörte, haben bei mir alle Alarmglocken geklingelt. Patienten der dortigen Großherzoglich Badischen Heil- und Pflegeanstalt wurden während des Zweiten Weltkrieges im Sinne der NS-Rassenideologie systematisch ermordet. Allerdings habe ich gelesen, dass man dort wohl erst 1940 mit den schrecklichen Tötungsaktionen begann.

Wäre es dennoch denkbar, dass meine Urgroßtante Opfer der NS-Euthanasie wurde?

Im Sterberegister ihres Heimatortes ist kein Eintrag für Paula zu finden, weder in den Kirchenbüchern noch beim örtlichen Standesamt. Das bestätigt meiner Meinung nach zumindest mal, dass sie wirklich nicht in Hofstetten gestorben ist. Ich habe mich also an das Standesamt von Wiesloch gewendet, aber leider warte ich seit Wochen schon vergeblich auf eine Antwort.

Gibt es sonst noch irgendwelche Quellen, die ich ausschöpfen könnte?
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  #2  
Alt 03.10.2021, 02:06
sternap sternap ist offline
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Standard

bei wikipedia kannst du unter dem stichwort aktion t4 lesen, dass man etwa ab september 1939 mit gezielter ermordung begann.


https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_T4


schloss hartheim in österreich ist einer von sechs euthanasieorten.
https://www.schloss-hartheim.at/


es waren sechs orte, aber bei allen spricht man ab 1940 von gezielten tötungen.
https://www.planet-wissen.de/die-sec...aetten100.html


vielleicht erfährst du bei nachfrage doch, ob die verwandte vorher schon in einem der heime lag und starb.
__________________
______________________________
freundliche grüße
sternap


weil man sich nicht sieht, mein gesichtsausdruck: my dog stepped on a bee!
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  #3  
Alt 03.10.2021, 19:26
Benutzerbild von Svenja
Svenja Svenja ist offline weiblich
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Hallo Hubert

Hier kannst du dir einen ersten Überblick verschaffen bezüglich der damaligen Vorgänge in Wiesloch.
https://www.gedenkort-t4.eu/de/histo...nellueberblick

Hier ist die Website von Wiesloch selbst mit mehr Informationen:
https://www.pzn-wiesloch.de/unser-zentrum/geschichte/

Landesarchiv Baden-Württemberg - Generallandesarchiv Karlsruhe - Findbuch Wiesloch
https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs2...?bestand=52099

Gruss
Svenja
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  #4  
Alt 04.10.2021, 06:55
Laureate Laureate ist offline
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Hallo Sternap, hallo Svenja,

ich danke euch ganz herzlich für die vielen informativen Links! Ich werde das alles in den nächsten Tagen sorgsam durchlesen.


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  #5  
Alt 04.10.2021, 17:30
MaJaLu MaJaLu ist offline
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Standard Euthanasie

Lieber Hubert,


ich habe Dir eine PN geschickt.


Viel Glück und berichte bitte, wenn es Neuigkeiten gibt.



LG MaJaLu
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  #6  
Alt 24.11.2021, 14:03
Laureate Laureate ist offline
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Standard Neue Erkenntnisse

Hallo miteinander,

nach langem Hin und Her konnte ich endlich den Sterberegistereintrag von Paula auftreiben. Todesdatum (29.03.1939) und Todesort (Wiesloch) konnten ein für allemal bestätigt werden. Todesursache war angeblich eine Embolie. Kurios ist, dass der Tod von einem gewissen Doktor Möckel von der Medizinalanstalt in Wiesloch angezeigt wurde.

Der Name kam mir bekannt vor, also habe ich ihn durch Google gejagt. Laut dem Landesarchiv BW (https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs2...?bestand=52099) war die Wieslocher Anstalt unter Dr. Möckels Leitung an der Umsetzung der nationalsozialistischen Erbgesundheitsgesetzgebung beteiligt.

Ist das also ein handfester Beweis, dass Paula Opfer von Euthanasie wurde? Nein, leider nicht. Den werde ich wohl nie finden. Aber meiner Meinung nach gibt es durchaus einige Indizien, die dafür sprechen. Allen voran, dass Paula mit nicht mal 33 Jahren an einer Embolie starb...
Angehängte Dateien
Dateityp: pdf Englert_Paula.pdf (483,4 KB, 24x aufgerufen)
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  #7  
Alt 24.11.2021, 14:53
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Svenja Svenja ist offline weiblich
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Hallo

Dass in Wiesloch Euthanasie betrieben wurde ist sicher, das geht ja auch aus den Links hervor, die ich weiter oben erwähnt habe. Zu beachten ist jedoch, dass die Euthanasie am 29.03.1939 offiziell noch nicht begonnen hatte. Zu den Euthanasieopfern im engeren Sinne kann man sie also eigentlich nicht zählen. Aber es ist nicht auszuschliessen, dass manche Klinikärzte schon vorher gewisse Experimente durchführten, um zu testen wie man die Euthanasie am besten durchführen könnte.

Zur "Umsetzung der nationalsozialistischen Erbgesundheitsgesetzgebung" gehört übrigens nicht nur die Euthanasie sondern auch die Zwangssterilisation und die wurde bereits Mitte der dreissiger Jahre eingeführt.

Gruss
Svenja
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  #8  
Alt 04.12.2021, 13:21
Laureate Laureate ist offline
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Hallo Svenja,
tut mir leid, dass ich erst jetzt antworte, ich war beruflich viel unterwegs.

Zitat:
Zitat von Svenja Beitrag anzeigen
dass die Euthanasie am 29.03.1939 offiziell noch nicht begonnen hatte. Zu den Euthanasieopfern im engeren Sinne kann man sie also eigentlich nicht zählen
Stimmt, da hast du recht, ich habe mich da wohl von meinem Anfangsverdacht etwas blenden lassen und dabei ganz übersehen, dass mit den Euthanasien zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht "offiziell" begonnen wurde. Danke für die Richtigstellung

Zitat:
Zitat von Svenja Beitrag anzeigen
dass manche Klinikärzte schon vorher gewisse Experimente durchführten
Ja, möglich. Wie gesagt, ich werde wohl nie mit absoluter Sicherheit sagen können, was Paula wirklich zugestoßen ist. Ich habe alle verfügbaren Quellen ausgeschöpft, deshalb lege ich denn Fall nun zu meinen Akten.

LG
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  #9  
Alt 17.12.2021, 07:20
fajo fajo ist offline weiblich
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Liebe Laureate!
Ja, es könnte sein das mancher Mensch nicht mehr auffindbar ist und sein Schicksal leider nie zu klären sein wird. -

Wir haben auch ein Familienmitglied, was wir bisher nicht finden konnten. Seinen Bruder habe ich gefunden und auch dessen traurigen und verwischten Weg...


Aber bei ihm finden wir mehr Fragezeichen als Antworten. – Nun haben wir versucht alles andersherum aufzurollen und stoßen auf noch unerklärlicheres. Ein Mitarbeiter vom Archiv in Pilsen hat freundlicher Weise zusätzlich alles nach seiner Geburtsurkunde durchsucht und konnte sie genauso wenig wie ich finden? - Meine Cousine hat sich nun auch noch einmal auf den Weg gemacht um alles selber vor Ort durchgesehen, aber auch ohne Erfolg. Doch wir beide wissen das dieses Familienmitglied wirklich existierte und das es auch nach Dobrany kam, obwohl beide eigentlich schon erwachsen waren? – Und wir besitzen auch ein Foto von dem Familienmitglied. Einen anderen Geburtsort können wir auch ausschließen. Als nächstes versucht meine Cousine Einsicht in die Kirchenbücher zu bekommen, da wir offenlassen ob nicht die Einträge in Lichtenstadt damals sogar evtl. manipuliert (?) worden sein könnten, wieso auch immer? – Das ist dann wieder ein neues Fragezeichen, wo ich noch gar keinen Anhaltspunkt habe wieso evtl. eine Geburtsurkunde gelöscht worden sein könnte? Nach allem was ich inzwischen nun an Infos gelesen haben, bin ich für alles nicht vorstellbare offen! Denn durch dieses Forum und die Hilfe von so manchem Mitglied bin ich über die letzten Jahre auf so vieles gestoßen, was mir noch völlig unbekannt war und worauf ich im Traum nicht gekommen wäre. -
Manchmal gibt es mehr Fragezeichen als Antworten und man kann sich bald keinen Reim mehr darauf machen....

Ich wünsche dir, dass du doch noch irgendwann weiter kommst mit deinem Familienmitglied und nicht noch mehr Fragezeichen auftauchen bzw. alles noch verworrener wird! – Wir packen nichts zu den Akten, da die Fragezeichen auf die wir stoßen eher auffordert sind noch genauer zu suchen.




PS.: Ist evtl. schon einmal jemand darüber gestolpert, welchen Hintergrund es haben könnte das eine Geburtsurkunde evtl. gelöscht worden sein könnte? -
__________________
Vorsicht : >Ich habe keine Ausbildung. Ich habe Inspiration.< von Bob Marley -**








Geändert von fajo (17.12.2021 um 07:22 Uhr)
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  #10  
Alt 18.12.2021, 15:29
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Hallo Fajo,

ich danke dir für deinen informativen und wirklich ausführlichen Kommentar zum Thema. Da zeigt sich mal wieder, auf welche Stolpersteine und Sackgassen man stößt, wenn man im Leben der eigenen Vorfahren gräbt. Bei einem Fall wie deinem scheint meiner doch im Vergleich recht simpel, immerhin kann ich nun belegen, dass meine Ahnin tatsächlich in der Anstalt in Wiesloch verstarb, so wie es in der Familie immer erzählt wurde. Ich wünsche dir für deine eigene Suche viel Glück und Kraft!

LG
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