#1  
Alt 06.02.2020, 22:41
Benutzerbild von Ursula
Ursula Ursula ist offline
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Standard Ich bin immer wieder erschüttert

Hallo,

obwohl mir das in den vielen Forschungsjahren schon öfter begegnet ist, bin ich immer wieder ergriffen von solchen Schicksalen:

Crescenz heiratet Moritz, da war Crescenz 23 Jahre alt. Das erste Kind kam, als Crescenz 27 Jahre alt war. Bis sie 45 war, bekam sie 15 Kinder, die letzten beiden waren Zwillinge.

9 Kinder verliert sie unmittelbar, oder ein paar Tage nach der Geburt.
1 Tochter wird 1 1/2 Jahre alt und stirbt an Gichter
1 Sohn wird 7 und stirbt am Starrkrampf
1 Tochter wird 16 und stirbt an Hirnentzündung.

1 Tochter wird nachweislich erwachsen, sie hat ein uneheliches Kind. Von der anderen Tochter vermute ich, dass sie die Patin dieses unehelichen Kindes ist, das muss ich noch recherchieren. Von 1 Sohn weiß ich noch gar nichts, zumindest habe ich aber keinen Eintrag im Totenbuch von ihm gefunden (an seinem Heimatort).

Dieses Paar hat 12 seiner 15 Kinder verloren. Wie hält man das aus? Wie kann man da weiterleben? Wird man nicht sehr verzweifelt und auch verbittert?


Traurige Grüße
Uschi
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  #2  
Alt 06.02.2020, 23:14
lisetta lisetta ist offline
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Ich hatte es auch furchtbar vorgefunden bei einem Vorfahren: da sind alle Kinder (ungefähr 6, ich weiss es nicht mehr aus dem Kopf ) innerhalb von 4 Wochen an der Pest verstorben. Die ganze Familie ausgelöscht.

Nur die Eltern haben überlebt - und das Ungeborene mit dem die Mutter schwanger war (mein Vorfahr).
Aber ob 1 Baby über den Verlust so vieler Kinder hinwegtrösten konnte?

Mir wurde im Archiv jedenfalls anders als ich das Kirchenbuch las.

Geändert von lisetta (07.02.2020 um 15:47 Uhr)
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  #3  
Alt 07.02.2020, 05:25
fajo fajo ist gerade online weiblich
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Da kann ich nur zustimmen!

Wenn man solche Schicksale liest, wird einem ganz anderes und man bewundert diese Ahnen. - Wie sie das alles verkraften konnten?- Mal ganz ehrlich, ich bezweifle das ich so etwas verkraften könnte.

Geändert von fajo (08.02.2020 um 06:31 Uhr)
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  #4  
Alt 07.02.2020, 10:05
Mathem Mathem ist offline
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Hallo,

ich habe ebenfalls sehr viele Familien mit solchen Schicksalen in meinem Forschungsgebiet, wenn auch nicht mit 15 geborenen Kindern. Aber es reicht schon, wenn man von 4 geborenen Kindern liest, die als Baby sterben, bald darauf der Vater und wenige Jahre später die Mutter. Oder wenn von 7 Kindern nur eines überlebt.
Da schnürt es einem die Kehle zu...
Und die Sterbedaten dann zu notieren, kommt mir fast unangemessen vor.

Zitat:
Zitat von fajo Beitrag anzeigen
Wie sie das alles verkraften konnten?- Man ganz ehrlich, ich bezweifle das ich so etwas verkraften könnte.
Ja, das frage ich mich dann auch. Vielleicht kann man das nicht mit unserem heutigen Verständnis von Sterben und Tod und den Umgang damit versuchen zu erklären. Tod und Sterben wird aus unserem Alltag möglichst verdrängt und verbannt und jedem fällt es schwer, sich damit auseinanderzusetzen.

Die Menschen damals haben ihr Schicksal vielleicht eher angenommen, weil diese Situationen allgegenwärtig waren? Da ging es nicht darum "Zieh ich heute die blauen oder die schwarzen Socken an?", sondern "Wovon kriege ich morgen meine Kinder satt?", "Wird die Ernte gut ausfallen, damit wir hoffentlich den nächsten Winter überleben?".
Und die Menschen waren "gläubiger" als heute. D. h. sie haben alles aus Gottes Hand genommen, nach dem Motto (eigentlich ist das ein Vers aus der Bibel):
"Gott hat's gegeben, Gott hat's genommen..."

So erkläre ich mir das jedenfalls.

Dass sie nicht auch traurig, ja erschüttert und verzweifelt waren, will ich ihnen aber nicht absprechen.

Gruß von
Mathem
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  #5  
Alt 07.02.2020, 15:07
lisetta lisetta ist offline
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Wahrscheinlich hat das harte Leben einfach verlangt, dass man weiter funktionierte. So erkläre ich mir auch, warum sehr häufig (jedenfalls bei meinen Vorfahren) ein Witwer lange vor Ablauf des Trauerjahres neu heiratete - es können ja nicht alles schlechte Ehen gewesen sein. Die Kinder mussten halt versorgt sein, der Alltag weitergehen.

Aber dass auch Erschütterung da war, dafür las ich vor einigen Jahren ein rührendes Zeugnis. Das eigene Kind des evangelischen Pfarrers, der die Bücher führte, war früh verstorben. Der Pfarrer trug nicht nur die Todesdaten ins Sterbebuch ein, sondern setzte noch einen sehr persönlichen Absatz darunter, in dem er seiner Trauer freien Lauf lässt und betont, wie sehr er sein Kind liebte und nun vermisst.

Das gehört zwar eigentlich nicht in ein offizielles Kirchenbuch, ist aber ein schöner Beweis dafür, dass der Tod von Kleinkindern auch vor 200 Jahren nicht kalt ließ.

Geändert von lisetta (07.02.2020 um 15:14 Uhr)
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  #6  
Alt 07.02.2020, 15:23
lisetta lisetta ist offline
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Aber anders herum verstarben ja auch viel öfter als heute die Eltern und die Kinder haben dadurch erschütternde Schicksale.
Zum Beispiel meine Ahnin im frühen 19. Jhdt (Gebiet Mecklenburger Seenplatte):

Vater ist laut Kirchenbuch Invalide, einmal wird er Tagelöhner genannt, Geld war vermutlich kaum da.

Er heiratet eine Frau, sie bekommen Kind 1 und 2.

Als Kind 3 (meine Ahnin) unterwegs ist, stirbt wenige Wochen vor der Geburt Kind 2. Nicht sehr lange nach der Geburt von Kind 3 stirbt die Ehefrau.

Der Vater heiratet sehr bald Ehefrau 2; sie bekommen Kind 4 und 5.
Als meine Ahnin im Grundschulalter ist, sterben Ehefrau 2 und Kinder 4 und 5.

Vater heiratet Ehefrau 3, eine schon ältere Frau (deklariert als Deflorata, aber nicht Witwe).

Wenige Jahre später stirbt er selbst, meine Ahnin ist gerade 10 Jahre alt. Es lebt nur noch der älteste Bruder (der aber vielleicht schon irgendwo weg in der Lehre ist) und die 3. Ehefrau (und wer weiß, welche Probleme diese hatte, sie stirbt später nachgewiesenermaßen in einer Irrenanstalt).

Wundert es da, dass meine Ahnin später in Berlin wieder auftaucht - alleinstehend mit mindestens 2 unehelichen Kindern (evtl. - das ist nicht ganz eindeutig - sogar 3 Kindern), Väter unbekannt. Welche eine Chance hatte meine Ahnin denn als Kind gehabt?

Im Grunde muss man sich wundern, dass ihr einziger überlebender Sohn wieder ins bürgerliche Leben zurückfand.

Geändert von lisetta (07.02.2020 um 15:52 Uhr)
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  #7  
Alt 07.02.2020, 19:52
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Ursula Ursula ist offline
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Hallo lisetta,

was Du beschreibst, ist ein hartes Schicksal für ein kleines Mädchen. Ihr Leben hatte nichts, was ihr Vertrauen geben konnte.

Auch bei meinen Vorfahren heirateten die hinterlassenen Ehepartner schnell wieder. Die Familie brauchte einen Ernährer, oder die Kinder eine "Mutter", die sie und den Vater versorgte.

Ja, Mathem, man kann eigentlich nur hoffen, dass sie alles durch ihren Glauben besser ertragen konnten, was ihnen widerfuhr.

Schwer ums Herz wird mir immer wieder, wenn ich solche Geschichten in den Kirchenbüchern finde.

Liebe Grüße
Uschi
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  #8  
Alt 09.02.2020, 21:21
Asphaltblume Asphaltblume ist offline
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In manchen (!) Fällen war der frühe Tod von Kindern vielleicht sogar "erwünscht", weil man so viele Kinder gar nicht ernähren konnte. Oder er war aus eben diesem Grund unvermeidlich.

Aber auch dann wird der Verlust der Kinder eine schmerzliche Erfahrung gewesen sein, über die man sich vermutlich nur mit Vorstellungen von einem gütigen Gott, der die unschuldigen Kleinen zu sich ins ewige Leben geholt hat, trösten konnte.
__________________
Gruß Asphaltblume
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  #9  
Alt 14.02.2020, 23:09
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Araminta Araminta ist offline
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Ich stimme Uschi auch voll und ganz zu.
Auch wenn das Schicksal hart zugeschlagen hatte, brauchte die Familie einen Ernährer oder Mutter und damals gab es sonst niemandem, der geholfen hätte.
Einen besonderen Fall habe ich aber doch in meiner Familie gefunden. Da ist der Vater im April 1763 verstorben und die Frau hat schon im Juli darauf ihr Verlöbnis angezeigt. Die beiden waren sogar verwandt und brauchten eine Dispenz. Man kann also definitiv nicht von Liebe sprechen, sondern, so denke ich, ein einziges Zweckbündnis.
In der heutigen Zeit und unserer Kultur könnten wir uns das kaum vorstellen.
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  #10  
Alt 15.02.2020, 00:00
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Ursula Ursula ist offline
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Hallo,

bei diesen Zweckehen frage ich mich oft, wo die Kinder blieben. Ein Beispiel aus meiner Familie im 18. Jh. Georg heiratet Maria. Sie bekommen 2 Kinder. Georg stirbt. Maria heiratet Johann. Die beiden bekommen 1 Kind. Maria stirbt. Johann heiratet Barbara.

Was geschieht mit den Kindern von Georg und Maria? Sie sind der aktuellen Familie doch völlig fremd. Sie waren sicher noch dabei, als Maria Johann heiratet, aber nachdem die Mutter gestorben ist, bleiben die Kinder beim Stiefvater und der neuen Frau? Werden sie bei Bauern untergebracht, um ihr Brot selbst zu verdienen?

Ich sehe oft, das erste Söhne, die nicht vom Mann waren, der später der Ehemann wurde, sehr früh das Haus verließen, manche bis nach Amerika, weil sie vom Ehemann wohl nicht "gelitten" waren.

Auch in meiner Großelternfamilie war das noch so.

LG
Uschi
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