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  #51  
Alt 27.03.2021, 13:31
MarthaLU MarthaLU ist gerade online
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Standard Hat jeder Mensch EINE Handschrift?

Lange habe ich geahnt, Karl v. Gerstenberg habe auch mit Autographen geschummelt. Ich vermutete sogar, er hätte seinen Vater Heinrich v. Gerstenbergk übertroffen und dürfte der Kopf eines Familienunternehmens gewesen sein. Aber mit Spekulationen ist niemand gedient. Darum habe ich so lange nichts geäußert, bis ich den Beweis in Händen hatte, einen Beweis, der unmissverständlich das Ausmaß der Planungen belegt.

Die falsche Ahnentafel der Dichterfamilie v. Gerstenberg aus Kopenhagen( siehe Beitrag 28) ist das Dokument, das mir die Richtigkeit aller Ahnungen bestätigte. Da steht nicht nur Blödsinn, viel fataler ist: Das Papier befand sich nachweisbar sowohl in den Händen der dänischen v. Gerstenbergs in Kopenhagen, wie auch in Karl v. Gerstenbergs Händen in Hamburg. Die Tafel selber suggeriert Verwandtschaft der beiden Familien, die es nicht gab. Es ist weiter nachweisbar, dass das Dokument eine Rolle gespielt hat beim Verkauf des Nachlasses von Heinrich Wilhelm v. Gerstenberg von Hamburg nach München. Unglaublich eigentlich, aber seitdem wurde die Herkunft des Dichters Heinrich Wilhelm v. Gerstenberg in Thüringen gesehen, so wie die Tafel es falsch angibt. Die Standardwerke der Literaturwissenschaft beziehen sich auf diese Tafel! Damit existiert ein hundertprozentiger Beweis ihrer unguten Bedeutung.
Zugleich wurde mir schwindelig, denn auch ich hatte zu kämpfen mit den Dimensionen dieser Erkenntnis. Der Nachlass Heinrich Wilhelm v. Gerstenbergs ist nicht winzig klein, neben einem Tagebuch besteht er auch aus vielen Briefen an ihn und Briefentwürfen von ihm. Klar war mir, Karl v. Gerstenbergs Besitz einer gefälschten Ahnentafel, die ihn ausweist als Nachfahren der Dichterfamilie, dürfte nicht zufällig zustande gekommen sein. Aber unvorstellbar war mir, er könnte all die Briefe an den Dichter mit gefälscht haben. Da reden wir von Dutzenden Handschriften. Ausgeschlossen. Logisch gesehen muss ich allerdings davon ausgehen, Karl v. Gerstenberg und ein echter Dichter-Nachfahre müssen sich irgendwann und irgendwie begegnet sein.Wie sonst soll die falsche Ahnentafel in den Besitz der Dichterfamilie gelangt sein? Dafür, dass das Dokument schon vor vielen Jahren für Verwirrung sorgte in Kopenhagen, gibt es sogar einen Zeitzeugen, den dänischen Historiker Louis Bobé. Der hat die falschen Angaben vor 100 Jahren widerlegt und vermutete, die dänische Familie habe ihre Herkunft irrtümlich in Thüringen gesehen. Also, kein Zweifel, das Ding war tatsächlich in Kopenhagen beim Urenkel des Dichters, und in Hamburg bei Karl v. Gerstenberg.

Heute kann ich nur vermuten, der eine v. Gerstenberg habe dem anderen v. Gerstenberg auch echte Briefe überlassen oder verkauft, ehe der nach Hamburg fuhr. Das würde die Menge des Materials erklären. Nur erklärt es durchaus nicht alle dieser Briefe, denn auch in Briefen an den Dichter finden sich abenteuerlichste Behauptungen, die hübsch zur Ahnentafel passen. So schrieb 1771 Carl Leopold von Winther, ein Offizier und Freund des Dichters, an ihn: " Von deines Herrn Vaters wegen wirst du hier in Dänemark wohl keine näheren Verwandten haben, als meine liebe Frau, und da du unser wahrer Freund, Bruder und Vetter,..." Von Winthers Frau war eine geborene Helmolt aus Thüringen, eine Cousine oder Verwandte des Dichters war sie allerdings nicht.
Die Tafel behauptet weiter, der Dichter, Karl v. Gerstenberg und drittens auch Müller v. Gerstenbergk, ein weimarischer Politiker, seien eng verwandt gewesen. Nach dieser Stammtafel war Müller v. Gerstenbergk ein Großneffe des Dichters. Und tatsächlich existiert ein Brief des Müller v. Gerstenbergk von 1828, in dem er den Dichter seinen Großoheim nennt. Dumm nur, dass wir ein Schreiben des Dichters an den Müller v. Gerstenbergk kennen von 1817, in dem er ihn einen Namensverwandten nennt. Nebenbei behauptet Müller im Brief von 1828 angeblich, der große Kanzler v. Gerstenbergk( gemeint ist Marcus Gerstenberg) habe so viel Calvinisten hinrichten lassen. Dumm nur, dass das historisch total falsch ist.

Man gerät regelrecht in einen Strudel von merkwürdigen Aussagen hinein, und auch wenn ich am Ende nicht jedes Detail klären kann, bleibt mir heute nur die Erklärung, Karl v. Gerstenberg müsse sehr wohl auch Briefe an den Dichter mitgefälscht haben. Mit den Jahren kommt mir das auch gar nicht mehr so unglaubwürdig vor wie anfangs. Ich erinnere mich an die Verwirrung, als ich die ersten Briefe des Karl v. Gerstenberg entdeckte. Da war einer von 1860 an den Kapellmeister Franz Liszt und einer von 1862 an die Schillerstiftung, und jeder, der die beiden Schreiben verglich, zweifelte. Das waren zwei verschiedene Handschriften, ganz klar. Erst über Adressbücher und Meldedaten konnten wir nachweisen, dass K. v. Gerstenbergk in Berlin, der eine verschnörkelte Kunstschrift an Liszt sandte, und F. C. v. Gerstenberg in Leipzig, der kurz dahin geschmiert ein Bewerbungsschreiben für die Stiftung abschickte, eine Person waren. Heute kenne ich etwa 40 Briefe des Karl v. Gerstenberg und eine nette Auswahl seiner Handschriften. Ich meine, irgendwie ähnlich seien sie sich sehr wohl, aber auf den ersten Blick und ohne es zu wissen, wird man nicht eine einzige Person dahinter vermuten.
Also warum nicht? Warum sollte er nicht beliebig viele Handschriften hergestellt haben? Ich habe einmal für mich zur Übersicht eine kleine Auswahl Schriftproben zusammengestellt, dies alles sind wohlgemerkt keine Literaturfälschungen, sondern Ausschnitte aus Briefen Karl v. Gerstenbergs. Erst seit ich das gesehen habe, kann ich glauben, dieser Mann habe auch etliche verschiedene Dichter gefälscht. Es ist wirklich für die Literaten eine Schauergeschichte, dass er der Sohn eines genialen Fälschers war, und Cottas enger Mitarbeiter, und ein hoch begabter Maler und Zeichner.

LG Martha
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Geändert von MarthaLU (27.03.2021 um 13:38 Uhr)
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  #52  
Alt 04.04.2021, 11:30
MarthaLU MarthaLU ist gerade online
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Standard ein kleines Häppchen Wieland und das ganze Desaster

Im Jahr 1883 hat Karl v. Gerstenberg insgesamt 9 Autographen von 7 Dichtern angeboten, von Goethe, Schiller, Charlotte v. Schiller, Iffland, Wieland, Kleist, Franz Kirms. Publiziert wurden dann 7 der 9, im Goethe-Jahrbuch und den Westermannschen Monatsheften. Verkauft hat er sie höchstwahrscheinlich auch, aber der Autographenhandel insgesamt lief meist ab im Geheimen, es ist daher bisher nicht beweisbar. Bestimmte Männer waren allgemein bekannt als Autographensammler und Händler, so Felix Halm in München und Wendelin v. Maltzahn in Weimar bzw. Berlin. Kontakt hatte Karl v. Gerstenberg zu beiden, aber Kaufbelege dürften nicht existieren. Infolge der Gerstenbergkschen Schillerfälschungen hatte sich immerhin etwas mehr Professionalität und Skepsis entwickelt. Allerdings hatte sich die Prüfung nur darauf konzentriert, klassische Gerstenbergksche Fälschungen zu entdecken. Die "Werke" jener Zeit weisen recht typische Merkmale auf, die gut erkennbar sind.
Ich bin aber sehr sicher, Karl v. Gerstenberg hat lebenslang dazu gelernt. Es gibt einige Bemerkungen in seinen Briefen und Zeitungsartikeln, die hübsch beweisen, wie genau er sich beschäftigt hatte mit diesen Merkmalen. Naiv wäre es zu glauben, Karl v. Gerstenbergs Fälschungen könnte man mit den selben Kriterien erkennen. Übrigens hat er die Späßchen bisweilen bis auf die Spitze getrieben. In der ersten Ausgabe seiner neuen Zeitung Ende 1883 in Hamburg befasste er sich mit Markenfälschungen und Tricks, wie man sie rechtlich legal herstellen konnte.

Von den 9 im Jahre 1883 angebotenen Autographen sind heute die 3, die im Goethe-Jahrbuch abgedruckt sind, einzig genau dadurch legitimiert. Von den anderen 6 landeten 4 in den Westermannschen Monatsheften, und 3 dieser 4 sind nicht mehr auffindbar.( Nur der Brief Charlotte v. Schillers existiert noch, er kam über den bekannten Leipziger Autographenhändler Schulz nach Marbach). Auch die beiden nicht veröffentlichten Stücke sind verschwunden. Die Verschwindensquote ist ziemlich bemerkenswert, denn 1883 wurden kostbare Dichterbriefe eigentlich schon archiviert und gut gehütet.
Eines der spurlos untergegangenen Dokumente ist ein Aufsatz Christoph Martin Wielands (1733-1813), der den Titel" Idee eines allegorischen Gemäldes" trug. Wieland war 1800 von Iffland gebeten worden, den Theatervorhang für das neue Berliner Nationaltheater zu gestalten. Das ist belegt durch andere Briefe. Am 01.05.1800 schrieb Wieland an Karl August Böttiger, stellte ihm seinen Entwurf vor und bat um Rat. Denn seine Aufgabe war es, den jungen König Friedrich Wilhelm III als Jupiter darzustellen. Nur: " Ich sehe leicht voraus, daß man sich zu Berlin an der nicht zu läugnenden Unfüglichkeit, einen jungen König der ganz und gar keinem antiken Götter u Menschen Vater ähnlich sieht, und eine junge Königin, welche besser eine Hebe oder eine der Grazien vorstellen könnte, als Jupiter u Juno aufzustellen, mächtig stoßen, und daß schon dieser einzige Umstand das Ganze inacceptabel machen wird." Und: " Ein Jupiter u Chevelure u Bart ist kein Jupiter; und // Friedrich Wilhelm III. mit einem Jupitersbart und Haupthaar würde sich lächerlich travestiert glauben.-Eine junge Juno gienge im Nothfall noch eher an."

Ein großes und amüsantes Problem schildert Wieland da. Wenige Tage später soll er jedoch in der endgültigen Fassung seines Vorhang-Entwurfs diese Lösung gefunden haben: " Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, daß die Götter ewig jung sind und daß auch Jupiter (seiner majestätischen Chevelüre unbeschadet) auf antiken Gemmen und Vasen etc. jung erscheint."
Genau so steht es in dem Aufsatz, den Wieland an Iffland geschickt haben soll, und den Karl v. Gerstenberg 1883 bei Westermann publizierte.Weder inhaltlich noch sprachlich passt das zusammen. Und Wielands feiner Humor, den ich jetzt erst, dank meines Vorfahren, kennenlerne, fehlt auch. Der Brief an Iffland, in dem dieser Aufsatz als Beilage gelegen haben soll, existiert noch, er gibt als Datum an: " Oßmannstätt, den 6ten May 1800". Die Beilage sagt: " O., den 5. Mai 1800". In der Beilage vom 05. Mai soll Wieland geschrieben haben" Gemälde" und "Teil", einen Tag später am 06. Mai schrieb er " Gemählde" und "Theil".
Man muss wohl nicht Kriminalist sein, um leise Zweifel zu spüren. Karl v. Gerstenberg wusste auch bestens, was eine Allegorie ist. Am 10.11.1871 hatte eins seiner Theaterstücke Premiere in Bern:" Zur Geburtstagsfeier Friedrichs von Schiller: Die Huldigung der Muse. Allegorisches Festspiel von Dr. K. v. Gerstenberg."

1883 aber hatte keiner Zweifel, und bis heute bin ich die Einzige, die zweifelt, jedenfalls offiziell. Der Aufsatz ist verschollen, und das als solches ist schon unerklärlich genug, es ist ein Stück erheblicher Länge. Karl v. Gerstenberg betonte 1883 außerdem eine besondere Bedeutung, denn: "Dieses Autograph ist ferner in der Hinsicht wertvoll, als es Wielands volle Namensunterschrift trägt, der man selbst in seinen Briefen nur selten begegnet." Die Feststellung durch K. v. Gerstenberg muss man allerdings richtig einordnen. Erstens stimmt es nicht, es gibt viele Unterschriften Wielands. Und zweitens wird Karl v. Gerstenberg hier selten deutlich, er sagt unmissverständlich, worum es ihm geht. Denn durch Unterschriften " wertvoll gemachte" Autographen waren eine Spezialität des Schillerfälschers, seines Vaters. Briefe mit Unterschrift erzielten weit höhere Verkaufspreise.
Dieser Aufsatz, für den es gar keine Quelle gibt außer der Veröffentlichung in den Westermannschen Monatsheften, ist trotzdem anerkannt worden als Werk Wielands in der vor 15 Jahren erschienenen Gesamtausgabe der Briefe Wielands. Und die wird noch viele Jahre maßgeblich sein für die Literaturwissenschaft. Ich habe bereits drei Dissertationen entdeckt, die Bezug nehmen auf die Wieland-Gerstenbergische Allegorie. Den jungen Literaturwissenschaftlern kann man nichts vorwerfen. Aber es tut mir leid für sie, die sich so viel Mühe geben. Und meine Verwunderung wird immer größer, dass sich niemand zuständig fühlt, die Sache aufzuklären.

LG Martha

Geändert von MarthaLU (04.04.2021 um 11:36 Uhr)
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  #53  
Alt 16.04.2021, 13:21
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Standard Die Not der Witwe Schiller

Die Not der Witwe Schiller
Friedrich v. Schiller verstarb am 09. 05. 1805 in Weimar. Er wurde nur 45 Jahre alt und hinterließ vier kleine Kinder, sie waren 11, 8, 5, und knapp 1 Jahr alt. Für die Witwe Charlotte v. Schiller, geb. v. Lengefeld, (1766 - 1826) war Schillers früher Tod mit Sicherheit auch finanziell eine Bedrohung. Über die Lebensverhältnisse des berühmten Dichters finden sich widersprüchliche Angaben. Ganz arm war er wohl nicht, er hatte großherzige Unterstützer, unter ihnen Königin Luise von Preußen. Mit Goethes Lebensstil auf großem Fuße konnte er aber nicht andeutungsweise mithalten.
So scheint die Idee nicht völlig abwegig, mit der Charlotte v. Schiller sich sechs Wochen nach Schillers Tod an den großen Regisseur Iffland gewandt haben soll. Sie bat ihn:" Jede Art, wie Sie selbst das Andenken eines Jugendfreundes feiern würden, würde seiner und Ihrer wert sein, das fühle ich. Aber dürfte ich Ihnen eine Art angeben, wie es nach meiner Meinung für die Existenz meiner Kinder am vorteilhaftesten geschehen könnte? Sollte es Ihnen nicht möglich sein, durch Ihren mächtigen Einfluss vom Könige die Erlaubnis zu erhalten, daß von Schillers sechs besten Stücken jedes einmal zum Besten meiner Kinder aufgeführt würde?" So steht es jedenfalls in dem Brief Charlottes, den Karl v. Gerstenberg 1884 in den Westermannschen Monatsheften publizierte. Da er angab, die Briefe entstammten dem Nachlass Ifflands, könnte man ihm ohne die Mühe einer detaillierten Prüfung beinahe glauben. Einzig die Unterschrift macht schon auf den ersten Blick skeptisch:" Ihre Freundin Charlotte v. Schiller, geb. v. Lengefeld". Welchen Sinn macht der Hinweis auf ihren Mädchennamen? Wer sie war, das wusste jeder in literarischen Kreisen, und ich fand bisher keine weitere so ausführliche Unterschrift von ihr. Wieder einmal ein "kostbar" gemachtes Stück? Unterschriften auf den Autographen bestimmten damals maßgeblich den Preis.

Und ist es denkbar, dass im Jahre 1805 eine Witwe so deutlich und unverblümt um Geld bettelte? Charlotte v. Schiller war keineswegs nur Schillers Ehefrau, wie es die Literaturforschung lange dargestellt hat. Sie schrieb selber Gedichte und Prosa, und sie hat Bücher übersetzt. Eine ungebildete Frau war sie gewiss nicht. Ich glaube eher nicht, dass so ein Bettelbrief schicklich war. Zumal sie ihn nicht nötig hatte, denn nach Schillers Tod trafen liebevolle und rührende Hilfsangebote ein. Bereits drei Tage nach dem Tode schrieb der Verleger Cotta an Charlotte: " Was kann nicht Mutterliebe über den Menschen. Sie werden sich daher Ihren Kindern erhalten. Lassen Sie mich nach meinen Kräften denselben Vater sein. Die Erziehung der beiden Knaben, wünschte ich, überließen Sie mir; ich würde sie mit mir nehmen, und damit Ihnen dies nicht schwer würde, wie wäre es, wenn Sie zu uns nach Schwaben zögen?- Wir wollten dann im Andenken an unseren Freund und in der Erziehung seiner Kinder unsere trauernden Tage dahin bringen. Ueber alles Übrige seien Sie ohne Sorgen;- ich habe hierüber Pläne genug. -Da Sie nun dringende Ausgaben haben werden, so bitte ich für jedes Bedürfniß p. Wechsel auf mich zu ziehen."
Der Arzt Hufeland, Leibarzt der Königsfamilie, schrieb aus Berlin: " ... Die Königin, die unbeschreiblich von diesem Verlust gerührt war, hat mir ausdrücklich aufgetragen, Ihnen ihre innigste Theilnahme zu bezeugen; und wie sehr sie wünsche, etwas zu ihrer Tröstung und Aufheiterung beitragen zu können.-Hatte nicht der Verewigte den Plan, einen seiner Söhne dem Kriegsdienste zu widmen? Wäre dies, so würde sich jetzt die beste Gelegenheit dazu darbieten, und ich würde Sie bitten, mir nur ein Wort darüber zu schreiben."

Die Erklärung findet sich in dem Buch "Charlotte v. Schiller und ihre Freunde, Band 1", das 1860 von Ludwig Urlichs herausgegeben wurde. Urlichs gab eine Auswahl der Briefe von und an Charlotte v. Schiller heraus, unter der Kapitelüberschrift "Charlottens Wittwenstand und der Dank der Nation" finden sich die beiden oben zitierten Schreiben, aber auch die Korrespondenz mit Rudolph Zacharias Becker(1752-1822) aus Gotha. Becker war Volksschriftsteller, Buchverleger, und ein langjähriger Wegbegleiter und Freund der Familie Schiller. Er war es, der die Idee hatte, Schillers beste Werke zugunsten der Kinder aufführen zu lassen. Das geht eindeutig hervor aus den Briefwechseln. Charlotte schrieb ihm am 06.04.1806: " ...Ich danke Ihnen für den schönen Willen, das heilige Andenken meines geliebten Schiller auf eine Art für die Nachwelt zu gründen, die seinem Herzen auch die liebste sein würde, denn die zärtliche Vorsorge für seine Familie war seinem Geist oft nahe..... Ihre gütigen freundichen Bemühungen für meine Familie, für Schillers Kinder, werden mir durch diese Thränen noch lieber, ich fühle tiefer, welchem Herzen ich die einzige Beruhigung verdanke, die ich hier noch finden kann nach dem Bestreben meine Kinder zu guten Menschen zu bilden, sie in keiner ganz ungünstigen Lage zu wissen."
Becker schrieb am 15. 05. 1806 an Charlotte: " Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, Euer Hochwohlgeboren zu melden, daß ich gestern von Iffland aus Berlin eine vorläufige Nachricht vom Erfolg der für Schillers Ehre gegebenen Vorstellung der Braut von Messina erhalten habe. Nach dieser belief sich die Einnahme auf 2186 Rthlr...... Aus Hamburg erwarte ich eine ähnliche Nachricht, wo an demselben Tage Wilhelm Tell aufgeführt wurde.... Ein Gleiches versichert mir der Herr Graf v. Soden, als Inhaber der beiden Schaubühnen zu Würzburg und Bamberg.....Es muss doch einmal, da in unseren Tagen so viel Bubenstücke im Großen gelingen, auch etwas Gutes, wenigstens im Kleinen, zustande kommen!"
Und am 01.08. 1806 schreibt Charlotte " ...da der rege Eifer, mit dem Sie für das Liebste sorgen möchten, was mir geblieben, für Schillers geliebte Kinder, auch mich doppelt rühren und ergreifen muss..."

Natürlich kann an dieser Stelle der Briefwechsel nicht vollständig zitiert werden. Aber da besteht kein Zweifel, Zacharias Becker sogte dafür, dass Iffland und andere Regisseure Theatervorstellungen der berühmten Werke Schillers zugunsten der Kinder durchführten. Warum sollte dann Charlotte einen Bettelbrief an Iffland gesandt haben?
Ebenfalls bei Urlichs 1860 ist ein kurzer Brief Ifflands vom 30. 06. 1805 an Charlotte publiziert. Er weist darauf hin, es müsse sich um die Antwort auf ein Schreiben Charlottes an Iffland handeln, das nicht mehr existiere. Urlichs vermutete, der Inhalt spiele an auf Hufelands Hilfsangebot. Jedenfalls erwähnt Iffland in dem Brief den preußischen König. Karl v. Gerstenberg hat immer wieder solche Konstellationen benutzt, solche verloren gegangenen Dokumente wundersam entdeckt. Allein dieser Umstand muss schon misstrauisch machen. Umso mehr beweisend ist allerdings die Tatsache, dass es nicht Charlotte war, die bei Iffland gebettelt hat. Und die kuriose Unterschrift müsste ebenfalls hellhörig machen.
Es ist aber niemand hellhörig. Die Besonderheit dieses Autographen ist, dass er heute vorhanden ist, im Gegensatz zu den meisten anderen Stücken der gerstenbergischen Autographenmappe. Der Brief liegt wohlgehütet im DLA Marbach. Dahin gelangt ist er 1905. Zum 100. Todestag Schillers schenkte der württembergische König die Handschrift dem damaligen Schiller-Nationalmuseum. Gekauft hatte der König sie im hochangesehenen Antiquariat Otto August Schulz in Leipzig. Mehr ist nicht ermittelbar zur Provenienz.
Auffällig und eigentlich nicht erklärlich ist auch das Fehlen des Schreibens in der Überarbeitung von Urlichs Buch, die 1908 herausgegeben wurde von Ludwig Geiger. Dieser Ludwig Geiger war es gewesen, der 1883 den Inhalt der gerstenbergischen Autographenmappe gesehen hatte. Er müsste den angeblichen Brief Charlottes in Händen gehabt haben. Und 1908 befand sich das Stück im Nationalmuseum, auch das müsste Geiger gewusst haben. Zweifelte er etwa?

Zu guter Letzt soll heute einmal K. v. Gerstenberg selber zu Wort kommen, aus der Vorrede zur Publikation des Autographen: " Bei der Durchsicht der vor mir liegenden Briefe und Manuskripte berühmter Männer und Frauen überkommt mich gewöhnlich das Gefühl, daß früher ein ganz anders denkend und fühlend Geschlecht als das heutige gelebt haben müsse. Der Geist, der mir aus den Schriften entgegenweht, paßt so wenig in unsere jetzige prosaische Welt, die den Blick nach den Sternen gänzlich verlernt zu haben scheint, wie die heilige Lotosblume der Inder unter unsere einheimischen Disteln und Brennesseln. Seitdem der Krämergeist die Welt regiert und aus dem tiefsten Materialismus eine Tugend macht, seitdem der kalte berechnende Egoismus mit der Halbbildung kokettiert, kommen mir Stimmen wie die vorliegenden immer mehr und mehr wie solche aus fernen Welten vor, die die Gegenwart noch nicht einmal zu kopieren versteht und von der nur ein sehr kleiner Teil sie zu begreifen gelernt hat. "
Oh Opa Karlchen, Du bist echt ne schleimige Brennessel gewesen...

LG Martha

Geändert von MarthaLU (16.04.2021 um 13:28 Uhr)
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  #54  
Alt 08.05.2021, 14:08
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Standard von losen Schrauben im Kopf, Heinrich-Heine-Update

"Wir beide unterscheiden uns darinn daß bey ihm, in seinem Kopfe, die Schrauben zu fest geschraubt sind u daß sie bey mir zu lose geschraubt sind."
Diese Nettigkeit schrieb Heinrich Heine am 12.10.1823 seiner frisch verheirateten Schwester Charlotte Embden, geb. Heine. Der Herr, bei dem die Schrauben angeblich zu fest waren, war Charlottes Ehemann Moriz Embden. Einen handfesten Humor mochte der Dichter zweifellos. Aber so derb? Oder waren die Schrauben im Kopf bei Karl v. Gerstenberg zu lose geschraubt? Nun, das waren sie ganz gewiss, aber hat er auch Heine-Briefe erfunden?

Mit Eurer Hilfe bin ich wieder ein Stückchen voran gekommen und will heute ein Update geben. Die sichere Lösung des Falls ist noch nicht möglich, aber das Pendel neigt sich erschreckend in Richtung Gerstenbergischer Fälschungen. Eine Kernfrage, um die Vorgänge zu begreifen, ist der fragliche Adel bei Ludwig Embden, Charlottes Sohn. Meine Ahnung, in der Esplanande in Hamburg, wo Ludwig Embden und Karl v. Gerstenberg eine kurze Zeit gegenüber gewohnt haben müssen, dürften sich zwei Möchtegernbarone am Gartenzaun begegnet sein, könnte zutreffen. Im Adelsforum habt ihr mir so wichtige Hinweise gegeben, dass zwar nicht absolut sicher, aber doch mit äußerst hoher Wahrscheinlichkeit Ludwigs Adelstitel nie existiert hat. Die Situation könnte skurril gewesen sein. Denn ein Karl v. Gerstenberg wusste meiner Einschätzung nach solche Details bei seinen Mitmenschen sehr genau, während umgekehrt Ludwig Embden vermutlich den erfundenen Baron bei Karl v. Gerstenberg geglaubt hat.
Jedenfalls kenne ich mittlerweile den Text der Echtheitsbestätigung, die Karl v. Gerstenberg geschrieben hat für eine Manuskriptseite des Wintermärchens. Er ist erheiternd..."Herr L. v. Embden ist der Sohn der noch lebenden Schwester Heinrich Heines, Charlotte, und befindet sich durch seine Mutter im Besitz des größten Theils der früheren Heineschen Manuskripte, so daß über die Echtheit des Autographs auch nicht der allergeringste Zweifel bestehen kann (letzter Halbsatz dick unterstrichen). Das Manuskript ist ein Stück aus dem Gedicht: Deutschland ein Wintermärchen, und zeigt, wie schwer der Dichter arbeitete, d. h. wie viel er abänderte, bevor er seine Arbeit als druckfertig abgab. Die Echtheit der Bestätigung des Hrn. v. Embden ....? :
Dr. K. v. Gerstenberg
Redacteur des Hamburg. Correspondenten"
Dass Charlotte Embden im Besitz der Heine-Manuskripte gewesen sei, ist allerdings unbekannt. Die Anmerkung über die Abänderungen ist interessant, weil es auffällig viele solche Arbeitsmanuskripte gibt, die Karl v. Gerstenberg entdeckt haben will. Ich habe ja meine Gutmütigkeit verloren und tippe: Solche Entwürfe konnten noch Geld bringen, als die meisten Originale längst in Archiven lagen. Ob Karl v. Gerstenberg je Redakteur in Hamburg war, ist bsher nicht ermittelbar gewesen. Wenn ja, dann sicher nicht lange und nicht ruhmvoll, denn als er unerwartet 1888 starb, meldeten die Hamburger Zeitungen den Tod des Dichters und Schriftstellers, aber nicht den eines Kollegen. Den allergeringsten Zweifel, den man auschließen könne, sollte man schließlich bei Karl v. Gerstenberg eher verstehen als Aufforderung, genau hinzugucken. Wenn einer, der sein Leben lang die Leute betrogen hat, so eine vollmundige Echtheitsbescheinigung verkündet, empfiehlt sich Misstrauen.

Hingeguckt habe ich dann auf der Internetseite " Heine-Portal". Das möchte ich auch erwähnen am Rande, diese Seite ist großartig und ermöglicht Laien wie mir einen umfassenden Blick auf Heines Leben und Werk. Über keinen anderen Dichter habe ich so ein gut durchdachtes Leseangebot gefunden. Ich könnte also dort alle 3200 Briefe Heinrich Heines lesen mit Kommentierung und Provenienzangaben, beschränke mich bisher aber auf die Briefe der Familie Heine-Embden. Es ist so schon umfangreich genug. Eine neue Überraschung boten mir Heines Briefe an Charlotte, da sie teils an Charlotte Embden und teils an Charlotte v. Embden oder Moriz v. Embden adressiert sind. Auffällig ist dabei, die Briefe mit " von" sind ausschließlich frühen Datums, allerdings da auch nicht durchgehend. Von 1820 bis 1830 existieren 15 Briefe,7 davon mit v., 2 Briefe ohne v., und 6 Briefe ohne Adressangabe.
Fragte ich mich bisher nur, warum Ludwig zum Baron wurde, so muss ich jetzt überlegen, ob es für Heinrich Heine einen Grund gab, die Hamburger Familie als v. Embden anzusprechen. Diesen Grund habe ich bisher nicht gefunden, und schon gar nicht kann ich mir erklären, weshalb Heine mal so und mal so geschrieben hat, und nach 1830 kein " v. " mehr benutzte. In den Brieftexten selber taucht kein "v." auf im Zusammenhang auf mit Familie Embden. Der Bruder Moriz Embdens, Adolph Embden, war Gemeindevorsteher der jüdischen Gemeinde in Hamburg und schrieb sich auch nie mit "v. ". Ausdrücklich erst einmal nur spekulativ, versuchte ich daher, eine Verbindung zu Ludwig Embden und Karl v. Gerstenberg zu finden in den Briefen, die das "v. " benutzen. Wenn Karl v. Gerstenberg dem Ludwig geholfen hatte, das Familienbriefarchiv zu vergrößern, dann wäre es ja logisch gewesen, mit " v. " zu adressieren.
Es ist mir nicht durchgehend gelungen, aber vor allem für das Jahr 1823 doch beunruhigend deutlich: Es existieren 5 Briefe aus diesem Jahr. Der erste aus dem Juli ist ohne " v." adressiert, der zweite bis vierte von September, Oktober und November sind mit "v.", der von Dezember bietet keine Adresse.
Der Brief vom 08.12.1823 fängt mit einem bemerkenswerten Satz an: " Ich habe Dir lange nicht geschrieben, weil ich noch immer Antwort auf einen meiner letzten Briefe von Dir erwartete." Nur, Heine hatte doch am 15.09., am 12.10.und am 06.11.geschrieben, und das sind ausgerechnet drei Briefe, die an Charlotte VON Embden adressiert waren. Der Brief vom 12.10. ist zudem inhaltlich fragwürdig für mich. Nicht nur die allzu plumpe Grobheit von den Schrauben im Kopf scheint mir unstimmig. Weit merkwürdiger ist ein Satz kurz davor, den nehme ich Heinrich Heine einfach nicht ab: " Wir verstehen uns so gut, wir allein sind vernünftig und die ganze Welt ist meschugge." Nicht nur die Plattheit des Gedankens will nicht passen, das Wort meschugge ist meines Erachtens ganz daneben gegriffen. Ich habe Wörterbücher gewälzt, etymologische Erklärungen gelesen. Meschugge ist jiddisch und heisst verrückt, aber der Ausdruck war 1823 noch nicht in Verwendung. Betz sagt, der erste Wortnachweis überhaupt stammt von 1846 aus dem Raum Frankfurt. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Wort gebräuchlich. Nun war Heinrich Heine jüdischer Herkunft, aber auch das erklärt nicht diesen Wortgebrauch. Ich maße mir nicht an, Heines Verhältnis zum Judentum zu verstehen, darüber haben andere dicke Bücher geschrieben. Aber er war ein kluger und sehr gebildeter Mann aus einem wohlhabenden und gebildeten Elternhaus, und er hat gerungen mit der Religion. Einen so simplen Gebrauch von Jiddisch kann ich mir nicht vorstellen und fand auch kein weiteres Beispiel.
Zusammen mit den anderen Auffälligkeiten geht mein Gefühl daher eher dahin, hier habe Glaubwürdigkeit mit einem jiddischen Wort konstruiert werden sollen.

Noch viele offene Fragen bleiben, und Heinrich Heines Werk ist für mich unübersehbar groß. Schon ohne das Zutun Herrn v. Gerstenbergs fehlen viele Quellen, ist vieles fraglich. Ich fand einige Aufsätze über die Echtheitsfrage bei Heine.Aktuell beschäftige ich mich mit der Schönschrift Heines. Diese Schrift selber kenne ich fast identisch von Karl v. Gerstenberg, sie liegt im DLA Marbach. Aber in dem Link hier soll es ausnahmsweise nicht um die Schrift gehen, sondern um die Verzierungen. Ich möchte euch bitten, zu melden, wer schon einmal diese Art "Kringel" irgendwo gesehen hat. Mir ist nämlich unklar, ob das eine übliche Arbeit war, Briefe so zu verschönern?
https://www.duesseldorf.de/medienpor...er-frauen.html

Vielen, vielen Dank!

Geändert von MarthaLU (08.05.2021 um 14:12 Uhr)
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  #55  
Alt 10.05.2021, 10:25
MarthaLU MarthaLU ist gerade online
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Auf besonderen Wunsch hier ein Ausschnitt eines privaten Briefes von Karl v. Gerstenberg. Der Brief, der dem Sonett Friederike besonders ähnlich ist, liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Ich habe einen Scan nur erhalten nach zweimaliger Versicherung, ihn nicht zu veröffentlichen, mit Ausrufezeichen. Heisst, leider kann ich den hier nicht zeigen, nun, die Marbacher werden schon ihre Gründe haben...
Diese Handschrift hier schreibt einige Großbuchstaben völlig anders als das Sonett Friederike,das ist unübersehbar. Aber das heisst nicht viel, natürlich konnte K. v. Gerstenberg als ausgebildeter Zeichner (Porzellanmalerlehre an der Manufaktur Schumann in Berlin und Zeichenstudien an der Akademie der Künste) variieren. Ich hatte euch ja bereits ein paar Kostproben zusammengestellt, siehe Nr. 51. Dazu sei nochmals gesagt, denn es gab da mehrfach Missverständnisse, diese 9 Schriftproben stammen allesamt nachweisbar von Karl v. Gerstenberg.
Hier also einige Briefzeilen, die für mein Empfinden vom Duktus der Schrift her auch ähnlich sind dem Sonett Friederike, siehe Nr. 54. Vor allem, wenn man die Schriftgröße gleich groß macht, aber das kriege ich im Scan nicht hin.

LG Martha
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Alt Heute, 10:18
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Standard Ein Update, allerlei

Ein Update...
Länger habe ich nicht berichtet, der Grund war allerdings nicht Ereignislosigkeit. Im Gegenteil, es tut sich viel. Eine ganz tolle Folge meines Threads will ich an erster Stelle nennen, wir sind jetzt eine kleine Arbeitsgruppe geworden. Das macht Spaß und hilft, denn es ist immer deutlicher, dass bis heute nicht die Grundstrukturen der Fälschungsfirma geklärt sind und zusätzlich Berge von Literatur durchgesehen werden müssten. Ein Gymnasiallehrer und zwei seiner Schüler, die eigentlich vorhatten, Geisteswissenschaften zu studieren, haben sich so geärgert über die Verschleierungsmanöver, dass sie Hilfe angeboten haben. Eine junge Frau hat letztes Jahr einen eindeutig gefälschten Text in der Dissertation eingereicht und ärgert sich auch. Denn da wusste zumindest Marbach schon lange Bescheid. Wenn ein Fälschungsverdacht da ist, empfiehlt sich Offenheit, sonst wird alles nur um so schlimmer, das ist ja bekannt. (In Dresden macht man grade vor, wie man gut reagiert.)
Jedenfalls sind wir auf diese Weise ein kleines Team geworden, und das ist schön so.

Den Fall Heinrich Heine stelle ich ganz nach hinten. Die Fakten sind dabei klar und unübersehbar: Karl v. Gerstenbergs nach Heine aussehende Handschriften, im DLA Marbach archiviert. Dieselben Verzierungen wie in der Münchner Gerstenbergiana, bei der v. Gerstenbergs Verwicklung hundertprozentig sicher nachgewiesen ist. Sein Wohnsitz bei Embdens Nachbarin. Seine Echtheitsbestätigung, die vor allem den Kontakt zwischen Ludwig Embden und ihm nachweist. Eine vorsätzlich falsche Meldung in den Zeitungen über Heines Memoiren. Zwei ganz dicke Fehler in Briefen Heines, die Nutzung eines jiddischen Worts zu einem Zeitpunkt, wo das nicht in Gebrauch war, sowie Angaben zu Raddampferrouten, die erst Jahrzehnte später gefahren wurden. Die auffällige inhaltliche Primitivität der Familien-Briefe. Die Feststellung eines Heine-Experten zu gefälschtem Briefpapier bei Heine-Autographen.
Natürlich ist das dicke genug, um Ermittlungen für notwendig zu halten. Der einzige Grund für mich, dennoch Heine nicht in den Mittelpunkt zu stellen, ist das riesige allgemeine Chaos. An der Verschandelung von Heines Nachlass scheinen sich derart viele Personen beteiligt zu haben, dass ich kein Land sehe für eine Klärung. Ich habe versucht, mir Heines Handschrift anzugucken und einzelne Großbuchstaben in gesichert Heineschen Briefen mit fraglichen Briefen zu vergleichen. Es geht nicht, ich finde nicht einmal eine Heine-Handschrift, die vor 1840 publik wurde. Und egal was ich angucke, Herr Heine hat genau wie Herr v. Gerstenberg verschiedene Varianten benutzt, und die publizierten Briefe sind in mindestens drei Handschriften verfasst. Frühere Heine-Herausgeber haben geschildert, was mit Heines Nachlass passierte nach seinem Tod. Auseinandergeschnippelt, neu zusammengefügt, Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten, Familienstreit, schon damals war so etwa alles unklar. Endgültig aufgegeben habe ich es, als ich mir sehr verdächtige Briefe in mehreren Varianten fand in Literaturbüchern. Da kann man puzzlen mit den Einzelteilen...So macht es für mich einfach keinen Sinn. Ich arbeite an der Aufklärung des Gesamtfalles, der unbekannten gerstenbergischen Fälschungsfabrik. Mit Heine speziell müssen sich Fachleute herumschlagen, und wenn sie ganz nüchtern rangehen, müsste ein großer Teil der Papiere geprüft werden. Man könnte ja anfangen mit den Briefen, die in Karl v. Gerstenbergs Schrift verfasst sind oder kein echtes Wasserzeichen aufweisen.

Unser Interesse verlagert sich derzeit wieder weg von der Literatur. Da gibt es durchaus noch genug verdächtiges Material, derzeit arbeite ich ein 1000 Seiten dickes Buch eines anonymen Autors durch, das ich gefühlt eindeutig zuordnen kann, aber noch nach wasserfesten Belegen suche. Aber die Kernfrage, nachdem für uns eine Vielzahl an Fälschungen klar bewiesen ist, wird mehr und mehr das Unternehmen. Allein die Logistik ist ein Wunderwerk. Und wie groß war der Betrieb tatsächlich? Ich bin heute sicher, er muss weit größer gewesen sein als vorstellbar. Weiter steht Jena im Mittelpunkt, dort muss das Zentrum gewesen sein, aber dazu ist offiziell buchstäblich nichts bekannt, gar nichts. Immerhin habe ich den Adelbert v. Gerstenbergk aus Jena gefunden mittlerweile, er soll Maler und Fotograph gewesen sein, taucht aber nirgendwo auf in Berufsverzeichnissen. Auf die Ergebnisse aus dem Uni-Archiv Jena, die entscheidend weiterbringen könnten, warte ich weiter. Und noch einmal will ich wagen, im militärischen Bereich zu suchen nach dem verschollenen Großvater des Schillerfälschers, hinter dem ich erstens einen Jenaer Mathematikprofessor und zweitens den Kopf der Bande vermute.

Es bleibt also eine spannende Wanderung zwischen Literatur, Kriminalistik und Familienforschung. Ich habe mittlerweile auch entschieden, alle Dokumente und Ergebnisse als BoD drucken zu lassen. Natürlich ist es schade, das gehörte besser in den anerkannten wissenschaftlichen Bereich. Nur, ich habs ja angeboten, keiner will es. Und ich als letzte Nachfahrin fühle mich verantwortlich, es nicht im Nachtkästlein bei mir zu belassen.


Soviel als Update, Martha grüßt...

Geändert von MarthaLU (Heute um 10:21 Uhr)
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