#11  
Alt 18.08.2018, 12:17
tvogel17 tvogel17 ist offline männlich
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Hallo saburasti,


leider läßt Du uns über die Region völlig im Unklaren.
Mein Uropa wurde z.B. in Erlangen geboren, obwohl die Mutter aus Neuhof/Zenn stammte und in Nürnberg und Fürth gearbeitet hat:



"Das Erlanger Gebärhaus von 1828 verfügte über 12 Betten, von denen nur drei für zahlende Schwangere vorgesehen waren. Die übrigen neun dienten mittellosen Frauen, die als sogenannte Hausschwangere unentgeltlich verpflegt und entbunden wurden. Im Gegenzug mussten sie sich für leichtere Arbeiten und den Studentenunterricht zur Verfügung stellen. Hausschwangere gab es in der Erlanger Frauenklinik bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Diese Einrichtung überlebte sich erst, als die gesetzlichen Krankenkassen begannen, klinische Entbindungskosten als Regelleistung zu übernehmen.
Trotz der Bemühungen Bayers und seiner Nachfolger machte die Bevölkerung aus den genannten Gründen von der Möglichkeit zur Klinikgeburt zunächst nur sehr zögernd Gebrauch. Bis in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts wurden in Erlangen nie mehr als 100 Frauen pro Jahr stationär entbunden. Erst mit der Gründung einer Hebammenschule 1874 kam es zu einem stetigen Aufwärtstrend: Anfang des 20. Jahrhunderts war die Zahl der jährlichen Geburten bereits auf 400 gestiegen, in den vierziger Jahren übertraf sie erstmals die Anzahl der in der Stadt Erlangen gemeldeten Entbindungen."

vgl. http://www.frauenklinik.uk-erlangen....sere-historie/

Viele Grüße


Thomas
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  #12  
Alt 20.08.2018, 14:08
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Zitat von scheuck Beitrag anzeigen
Irgendwie kann ich mir nicht so recht vorstellen, wie man eine Schwangere per Gesetz zwingen konnte, ihr uneheliches Kind in einer solchen Anstalt zur Welt zu bringen.
"Vorsorge-Untersuchungen" wird es im 19.Jahrhundert (Anfang/Mitte) nicht gegeben haben, man wird auch nicht gleich einen Arzt aufgesucht haben. Welche "Obrigkeit" hatte also von einer solchen Schwangerschaft Kenntnis und konnte dann dafür sorgen, dass ein Gesetz eingehalten wurde?

Ganz einfach: der Arbeitgeber. Solche Regelungen betreffen Dienstmädchen, Fabrikarbeiterinnen, Mägde in der Landwirtschaft. Die Väter der Kinder hatten meist einen ähnlichen Geringverdiener-Job. Deshalb gab es für die beiden keine Möglichkeit, zu heiraten. Das Heiraten war gesetzlich geregelt, und man musste nachweisen, dass man für den Lebensunterhalt einer Familie sorgen konnte. Dazu gehörte auch das eigene Haus. Ich forsche da gerade zu einem unheleichen Vorfahren, geboren in Bayern 1844. Zu der Zeit mussten Männer ein Gesuch stellen, wenn sie heiraten wollten, und die Obrigkeit konnte das ablehnen. Es ging ja darum, dass die Familie nicht der Gemeinde zur Last fällt.


Berüchtigtes Beispiel in Irland sind die Magdalen homes. Die jungen Mütter wurden gezwungen, ihre Babys zur Adoption freizugeben, und mussten zur Strafe für ihren "unmoralischen" Lebenswandel hart arbeiten.


Wie die Situation für unsere deutschen Vorfahrinnen war, muss allerdings im konkreten Fall angeschaut werden, das lässt sich nicht verallgemeinern - es hängt von den Betreibern des Heims und dem gesellschaftlichen Umfeld ab.
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Gruß, zeilenweise
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  #13  
Alt 20.08.2018, 15:35
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Hallo, zeilenweise!

Ja, die damaligen Gepflogenheiten hinsichtlich der "Arbeitgeber" sind mir schon bekannt, und ich weiß auch um die diversen Ehe-Hindernisse.

Wahrscheinlich habe ich bei meiner Frage den Fehler gemacht, von "meinen" unehelichen Kindern in Wesel auszugehen. - Es gibt viele uneheliche Mütter, es gibt viele uneheliche Kinder; es gibt auch viele Mütter mit mehreren unehelichen Kindern.

Ich frage mich schon lange, wovon Mütter und Kinder gelebt haben, denn es gibt nachweislich nur eine, die eine Anstellung als Dienstmagd hatte (auch die hat ihre Kinder laut Tauf-Eintrag im mütterlichen Haushalt zur Welt gebracht).. Alle anderen haben laut Einwohnerlisten im Haushalt ihrer Mütter gelebt und sind alle "ohne Stand und Gewerbe".
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Herzliche Grüße und bleibt gesund!!!!!
Scheuck
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  #14  
Alt 20.08.2018, 17:06
Wolfg. G. Fischer Wolfg. G. Fischer ist offline männlich
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Zitat:
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Berüchtigtes Beispiel in Irland sind die Magdalen homes. Die jungen Mütter wurden gezwungen, ihre Babys zur Adoption freizugeben, und mussten zur Strafe für ihren "unmoralischen" Lebenswandel hart arbeiten.
Hier ein Beispiel aus Hamburg:

https://www.abendblatt.de/hamburg/wa...-Bestehen.html

Mit besten Grüßen
Wolfgang
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  #15  
Alt 20.08.2018, 18:26
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Zitat:
Zitat von scheuck Beitrag anzeigen
Ich frage mich schon lange, wovon Mütter und Kinder gelebt haben, denn es gibt nachweislich nur eine, die eine Anstellung als Dienstmagd hatte (auch die hat ihre Kinder laut Tauf-Eintrag im mütterlichen Haushalt zur Welt gebracht).. Alle anderen haben laut Einwohnerlisten im Haushalt ihrer Mütter gelebt und sind alle "ohne Stand und Gewerbe".
Vielleicht eine kleine Landwirtschaft, die ein notdürftiges Einkommen sichert? Heimarbeit? Betteln und Schulden machen? Prostitution?
Frauenarbeit bleibt auch deshalb oft verborgen, weil sie nicht standardisiert war wie die männliche Berufswelt - Fertigkeiten wie Stricken, Nähen oder Kunststopfen konnten Einnahmen bringen, ebenso wie die Arbeit als Zeitungsausträgerin, Wasch- oder Putzfrau. Manchmal hatten Frauen eine Reihe von solchen "Minijobs".



Wie viel weißt du denn über die sozialen Bedingungen in Wesel zu dieser Zeit? Da ergeben sich vielleicht Anhaltspunkte.
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Gruß, zeilenweise
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  #16  
Alt 20.08.2018, 18:42
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Zitat:
Zitat von zeilenweise Beitrag anzeigen
Wie viel weißt du denn über die sozialen Bedingungen in Wesel zu dieser Zeit? Da ergeben sich vielleicht Anhaltspunkte.
Hallo, zeilenweise!

Tja, die sozialen Bedingungen ... - Die Väter der unehelichen Mütter waren allesamt Schiffer, die mit ihren eigenen Schiffen auf dem Rhein unterwegs waren. Ich habe daraus bislang geschlossen, dass es ihnen "nicht schlecht" gegangen sein kann.
Man findet auch heute noch im Inet die entsprechenden Abfahrten und das Ankommen mit irgendwelcher Fracht im Hafen von x oder y, demnach waren die dauernd unterwegs.

Klar, dass die Mütter mit ihren Kindern im Haushalt der "Oma" gelebt haben (siehe Einwohnerlisten), sagt ja nicht zwingend aus, dass sie das untätig getan haben.
Landwirtschaft hatte in der Familie niemand, aber vielleicht haben die unehelichen Mütter für andere genäht, gestrickt oder gewaschen, wobei das nicht sonderlich erwähnt wurde. Heimarbeit eben, stimmt schon ...

Trotzdem sicherlich nicht leicht, bis zu 5 uneheliche Kinder durchzubringen, und Oma's leben auch nicht ewig. - Ich möchte zuuuu gern wissen, was mit den dazugehörigen Vätern los war; ich "hoffe" ja nicht, dass da von den Fünfen jedes einen anderen Vater .
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Scheuck
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  #17  
Alt 21.08.2018, 09:14
Wolfg. G. Fischer Wolfg. G. Fischer ist offline männlich
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Vielleicht eine kleine Landwirtschaft, die ein notdürftiges Einkommen sichert? Heimarbeit? Betteln und Schulden machen? Prostitution?
Ich denke, ganz viele dieser Frauen waren Tagelöhnerinnen.
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  #18  
Alt 21.08.2018, 10:02
cgraaf cgraaf ist offline männlich
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Mein Großvater wurde am 24.04.1893 in Celle geboren, obwohl seine Mutter, meine Urgroßmutter, bereits in Kiel lebte.
Mein Großvater kam zunächst unehelich in der Entbindungsanstalt Celle zur Welt.
Erst am 09.12.1893 heiratete mein Urgroßvater meine Urgroßmutter und gab zugleich die Vaterschaft an. (Querverweis auf der Heiratsurkunde)

Zur Quellenlage habe ich mir das Buch „Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord“ von Markus Meimann 1995 besorgt. Hier gibt es ab Seite 249 unter Punkt 5.2 Informationen zu:
Entbindungsanstalten: Zufluchtsorte für ledige Mütter. Darunter u.a. auch Infos zu Celle.

Zu den Motiven ist ja bereits ausführlich berichtet.
__________________
MvH

Carsten

Geändert von cgraaf (21.08.2018 um 12:15 Uhr) Grund: Korrektur
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  #19  
Alt 21.08.2018, 22:33
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Zitat von Wolfg. G. Fischer Beitrag anzeigen
Ich denke, ganz viele dieser Frauen waren Tagelöhnerinnen.
Aber würde das nicht in den Listen stehen?
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Gruß, zeilenweise
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  #20  
Alt 21.08.2018, 22:37
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Zitat von cgraaf Beitrag anzeigen
Mein Großvater wurde am 24.04.1893 in Celle geboren, obwohl seine Mutter, meine Urgroßmutter, bereits in Kiel lebte.
Mein Großvater kam zunächst unehelich in der Entbindungsanstalt Celle zur Welt.
Das ist interessant, ich habe mich nämlich schon gefragt, ob es im Kieler Umfeld auch so ein Gebärhaus gab. Die ersten Krankenhäuser entstanden hier Mitte des 19. Jh. Aber ich habe mich noch nicht näher damit beschäftigt, ob sie auch Entbindungen für ledige Mütter anboten. Wenn deine Uroma dafür von Kiel nach Celle reiste, dann kann das einerseits heißen, dass es hier tatsächlich nichts gab, oder dass sie ihren Zustand vor den Nachbarn verbergen wollte.
Danke auch für den Buchtipp!
__________________
Gruß, zeilenweise
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